wirsindmutig_verletzlich_stark

Wir sind mutig. Wir sind verletzlich. Wir sind stark.

Damals.
Brief an Janus vom 22.06.2008

Noch keine 3 Sekunden bist du weg und ich fange an mit, schreiben. Ich weiß zwar noch nicht so genau wo, ich anfangen soll, aber egal.

Ich hätte ehrlich gesagt lieber mit dir drüber geredet, wenn die Zeit denn vorhanden gewesen wäre. Beim Reden sehe ich deine Reaktion und du kannst mir direkt antworten. Per Mail macht sich das schlecht. Eine Woche warten, bis du wieder da bist, ist allerdings wohl auch blöd, da gebe ich dir Recht. Und so kannst du auch lang genug über alles nachdenken. Meine Gedanken kann ich übers Schreiben vielleicht auch besser ordnen, mal sehen.

Ich hab schon oft darüber nachgedacht, warum ich mit Sexualität solche Probleme habe.

Oft reagierst du in Situationen, in denen ich abblocke mit dem Satz: „Aber du mochtest das auch mal … am Anfang“. Glaube nicht, dass du der Einzige bist, der sich fragt, warum, sich das geändert hat. Ich bin mir sicher, dass das nicht an der fehlenden Liebe zu dir liegt. Ich brauche dich mehr denn je, nur nicht unbedingt sexuell. Wie ich vorhin schon angesprochen habe und du ja auch weißt: Mir geht es momentan nicht so gut. Ich brauche deine Nähe und Liebe, nur verlangt es mir eher selten nach sexueller. Ich brauche jemanden, der zuhört, mich einfach nur in den Arm nimmt, mit mir etwas Schönes unternimmt. Und vor allem brauche ich dein Vertrauen. Ich brauche dich zum Auffangen, egal wie scheiße, fies, emotional oder weinerlich ich auch gerade bin. Ich will dich nicht verletzen, dich nicht bewusst angreifen, aber manchmal rutscht es mir einfach raus, weil ich mich so fühle. Ich weiß nicht genau wieso ich auf den Stress, den seelischen Stress mit Blockieren reagiere. Andere Leute stürzen sich vielleicht  in Sexorgien um auf schöne Gedanken zu kommen. Ich nicht.

 Wie schon oben erwähnt, hab ich mir oft Gedanken über mein Sexualleben gemacht.
Ich werde jetzt mal die auffälligsten Reaktionen von mir aufzählen und versuchen dir zu erklären, warum ich so handele.

 Willst du an meinem Ohr knabbern oder atmest du auch nur unbewusst hinein, zucke ich zusammen.

Das hängt mit dem Überfall in der Tschechischen Republik, als ich 6 oder so war, zusammen.

Der Einbrecher, der in unserem Zimmer des Bungalows die Geldtaschen meiner Eltern klaute, wollte auch mein Radio. Das stand neben mir auf dem Nachttisch. Es war stockdunkel und er beugte sich über mich, denn der Stecker des Gerätes war in der Steckdose an der Wand hinter meinem Kopfende. Ich spürte und hörte seinen Atem. Warm und wieder kalt, warm und wieder kalt. Du kannst dir vorstellen welchen Schiss ich hatte.
Dieses Panikgefühl bekomme ich heute auch wieder. Ich wieß du bist nicht der Einbrecher und du tust mir nichts, aber das Gefühl ist stärker. Warum es ausgerechnet jetzt plötzlich so stark ist? Ich erkläre es dir gleich, denn der Grund ist für viele Reaktionen derselbe…glaube ich.

 Willst du mich am Hals küssen, blocke ich ab und zieh den Hals ein.
Ich hatte dir den Grund dafür schon einmal erzählt, aber ich nenne ihn einfach auch noch mal. So kannst du vielleicht besser meine Erklärungen verstehen.

Als ich mit Andrew noch zusammen war, spielte sich folgende Szenerie ab: Ich war bei ihm, wie jeden Tag, nach der Schule zu Besuch. Ein Kumpel von ihm, den ich vorher noch nicht kannte, war auch da. Wir (Andrew und ich) haben uns ein bisschen geneckt, so wie wir das auch ab und an machen, mit durchkitzeln, zwicken usw. Wie aus heiterem Himmel packte Andrew mich am Arm und schliff mich aus seinem Zimmer auf den Flur. Er pfefferte mich mit einem deftigen Ruck von dort auf den Küchenboden. Die Landung tat höllisch weh, ich hatte Tränen in den Augen und das Einzige was er tat war: Auf mich herabsehen, hämisch grinsen und anstatt mir wieder aufzuhelfen, ins Gesicht zu höhnen: „Oh, hast du dir wehgetan? Armes Stadtkind.“ Ich kam mir so jämmerlich vor, so mit den Füßen getreten. Das er mir wehgetan hat, indem er mich aufn Boden schmiss, war weniger das Schlimme daran, sondern sein Satz. Er hat mir damit einfach nur das Gefühl gegeben nichts Wert, zu sein. Er half mir nicht „reumütig“ auf. Ihm tat es nicht mal leid. Das hat mich verdammt wütend gemacht und war auch der Grund warum ich mich in ein paar Sekunden aufrappelte, um ihm eine zu scheuern und „Arsch!“, zu sagen. Und wiederum Sekunden später saß ich in seinem Zimmer, auf seinem Stuhl und starrte seinen Kumpel beim PC spielen an. Ich wollte nicht gehen, ich wollte keine „Szene“ machen, obwohl sie da war. Ich konnte nicht gehen. Ich weiß nicht, warum. Das war das Dümmste, was ich machen konnte. Dort bleiben. Ich verstehe mich da bis heute nicht, warum, ich nicht einfach gegangen bin.
Andrew kam mir nach. Ich saß mit dem Rücken zur Tür. Ich wusste nicht was er als nächstes tun würde. Ich spürte seine Hände in meinem Nacken/Schulter-Bereich. Er griff nicht zu, sondern wollte beruhigend streicheln oder so. Er meinte weinerlich „Schatz, es tut mir leid“. In dem Moment fühlte ich nichts weiter als Ekel und Hass. Der Grund, weshalb ich seine Hände auch abschüttelte.

Die Geschichte dürfte dir nun mehr als bekannt sein. Diese Erniedrigung am Boden zu liegen, „ausgelacht“ und dann von dieser Person im nächsten Atemzug angefasst zu werden, war furchtbar. Die Gefühle dabei, die Erinnerung daran sitzen tief. Das weiß ich jetzt. Ich hab es die 2 Jahre, bevor ich dich kennenlernte, gut verdrängt und vergessen. Am Anfang unserer Beziehung war ich total verliebt und glücklich, ich hatte keine Probleme, alles war gut.

Nur jetzt, so erkläre ich mir das jedenfalls, habe ich viele Probleme um die Ohren. Sie belasten mich, machen mich unausgeglichen und dünnhäutig und aus irgendeinem Grund kommen genau diese Erinnerungen und die Gefühle wieder hoch. Ich liebe dich, ich ekele mich nicht vor DIR. Es ist dieses Gefühl das einfach aufblitzt, sobald du auch nur in die Nähe meines Halses oder meines Ohres kommst. Ich kann es nicht steuern.

Ich habe auch schon versucht mich zur Ruhe zu zwingen, aber das macht es nur noch schlimmer. Janus, es kommt richtige Panik in mir auf. Ich reagiere nur noch auf das Gefühl, alles um mich rum ist da ausgeblendet. Das Gefühl, diese Panik ist so intensiv, dass ich nicht anders kann, als „mich zu retten“. Kurz danach denke ich mir auch immer: „Gott Hedwig wie dumm, das ist doch nur Janus. Er tut dir doch nichts. Er liebt dich doch.“. Nur in diesem Moment reagiert kein Verstand, sondern nur der Instinkt, der mir sagt: „Wehre dich, das willst du nicht … nicht noch mal.“

Mit Andrew hatte ich auch im Bett nicht sonderlich viel Spaß. Er mochte sich und seinen Körper nicht. Oft habe ich den Anfang gemacht, wollte ein bisschen „körperliche Liebe“. Er war der, der sich oft zierte. Wenn er sich allerdings erweichen ließ, dann legte er los. Gnadenlos, ohne auch nur einen Funken Interesse daran, zu haben, wie es mir geht oder was ich will. Ich hatte es ja provoziert, klar, nur das waren meine ersten sexuellen Erfahrungen. Auf die Tour hat er mich entjungfert. Ich hatte wahnsinnige Schmerzen. Du weißt, wie zart ich gebaut bin. Ein NEIN wurde nicht akzeptiert, Tipps es anders zu machen ignoriert und die Kraft die er hatte, nutzte er auch im Bett. Er legte sich zufrieden „Jaaaa“ seufzend neben mich, ohne zu fragen, wie ich es fand. Ich saß dann im Bad auf dem Klo und hoffte, dass es bald aufhört zu bluten. Ich war wund und alles tat weh. Erniedrigung waren diese Erlebnisse für mich.

Oh, es gab auch guten Sex mit ihm, doch das war selten. An diese lichten Momente erinnere ich mich sogar gern. Ich muss mir ja schließlich auch mal etwas Schönes vor Augen halten und  mir klar machen, dass nicht alles schlimm ist.

Das ist im Übrigen der Grund,weshalb ich mich gerne im Sitzen positioniere. Ich habe die Kontrolle und ich damit gute Erfahrungen gemacht. Ich versuche oft einfach an etwas Schönes, zu denken und mich nicht von den schlechten Sachen einfangen, zu lassen. Es macht alles kaputt und schlimmer als es eigentlich ist, das weiß ich. Nur irgendwie klappt es nicht immer und zu deinem Leidwesen momentan immer seltener.

Die schlechten Erfahrungen sind unausweichlich vorhanden. Das sind die Gründe, weshalb es mir schwer fällt, locker zu lassen. Die Gründe, weshalb ich keine Aufforderungen mag. Der Grund, warum ich mich vorm Geschlechtsteil und vor allen Körperflüssigkeiten oftmals ekele. Die Angst (vor der Kraft und die alten Verhaltensmuster) ist der Grund, warum ich mich auch nicht wehre, wenn ich etwas nicht will, sondern oftmals auch alles über mich ergehen lasse. Damals bin ich nach jedem Sex nach Hause und unter die Dusche geeilt. Ich habe mich so dreckig und furchtbar gefühlt.

Bei dir habe ich mich anfangs noch danach geduscht. Mich ca. dreimal eingeseift, weißt du noch? Dann habe ich mich irgendwann mal gezwungen liegen zu bleiben und festgestellt, dass es geht. Ich fühle mich wohl in deinen Armen. Nur mit den Flüssigkeiten habe ich noch ein Problem. Die sind für mich einfach der Inbegriff für „dreckig!“

Ich glaube, wie schon erwähnt, dass die Reaktionen beim Hals und beim Ohr, sowie das Abwehren aller „unanständig-dreckigen“ oder für mich „erniedrigend wirkenden“ Sachen momentan so stark sind, weil ich so viele Sachen um die Ohren und eigentlich nur Sinn/Bedürfnis für/nach Ruhe & Geborgenheit habe.

Nur so kann ich mir erklären, warum ich am Anfang unserer Beziehung auch andere Sexpraktiken mitgemacht und als schön empfunden habe und sie jetzt verweigere. Ich hab einfach Angst vor ihnen, Angst vor Schmerzen und Angst mich wieder mies zu fühlen. Ich brauche momentan nichts Ausgefallenes und Verrücktes, das eventuell schief läuft und mir wieder ein mieses Gefühl einhandelt. Ich vertrage es momentan einfach nicht. Es ist mir zu viel.

Ich weiß auch nicht, wie ich damit umgehen soll. Was ich dagegen tun könnte. Das Einzige, was mir einfällt ist auf deine Geduld und dein Verständnis bauen und hoffen, dass das alles irgendwann wieder vorbei geht. Vielleicht finde ich durch die Therapie wieder meinen Ruhepol und wieder gefallen daran.

Vielleicht sollte ich den Brief auch meinem Therapeuten geben? Er weiß eventuell ja einen Rat? Was meinst du? Oder wir versuchen es allein.

Das Schreiben hat mich jedenfalls schon mal etwas beruhigt. Ich hoffe du verstehst mich. Ich will dich nicht verletzen, dir nicht das Gefühl geben dich nicht zu lieben oder unattraktiv zu sein. All das ist nicht der Grund. Ich bin froh dich zu haben und will nicht, dass du unglücklich mit mir bist. Ich hoffe, wir finden einen Weg, gemeinsam. Alleine will ich nicht.

Bis Freitag :) Ich denk’ an dich. Hab’ trotzdem eine schöne Woche. Ich freu’ mich auf dich.

FRÜHER
Tagebuch, 03.06.2014

Und jetzt…?

Heute (im Juni 2014) habe ich mal nicht gearbeitet, obwohl eigentlich Bürotag geplant war – Quittungen, Rechnungen, Fahrtenbuch usw. usf. „Eigentlich“ ist eines meiner aktuellen Lieblingswörter.

Ich wollte vormittags nach meinem Arztbesuch nur kurz in die alte Wohnung gehen. Sachen holen für das WGT, zu Pfingsten. Nach den Armabdrücken und der Ringhand für den Messestand schauen. Danach gleich fix in die Werkstatt.

Da stand ich nun vor der Wohnung. Janus’ Auto war nicht da, gutes Zeichen. Einen fetten Kloß im Hals mit leicht beschleunigter Atmung drehte ich den Schlüssel im Wohnungstürschloss, abgeschlossen. Er ist nicht da. Ein Glück.

Ich legte gleich los, wollte so schnell wie möglich wieder weg.

Ich war nicht mal eine halbe Stunde in der Wohnung, aber es kam mir wie eine bedrückende und zehrende Ewigkeit vor. So zehrend, dass ich nicht mehr arbeiten gehen konnte oder wollte. Jedes kleine Geräusch dort, ließ mich aufschrecken und kontrollieren, ob er gleich neben mir steht. Gruselig.

Noah schrieb ich „Uff“ und dass mich die Wohnung fertigmacht.

Ich will ihm immer schreiben, fortwährend. Ich bin so verschossen. Und gleichzeitig habe ich Angst. Angst mich weiter zu verlieren und nie wieder zu mir zu finden. Angst zusammenzubrechen, die Kontrolle zu verlieren. Angst, dass alle Erinnerungen und verkorksten Beziehungen auf mich einstürzen und ich völlig durchdrehe. Angst vor der Angst, anstatt Angst vor der Sache selbst. Was auch immer „die Sache selbst“ ist?

Ich habe vorhin, als ich den Ordner für dieses Tagebuch angelegt habe, alte Texte gefunden. Öl ins Feuer. Nicht nur der Gang in die Wohnung, sondern auch dieser Text (der Brief an Janus) halten mich wach. Sie verursachen eine Flut von Gefühlen und Gedanken, die mich ertränkt.

Ich habe mich damals Janus ausgeschüttet. Meine sexuellen Probleme geschildert. Verblüfft war ich, dass ich damals schon welche durch Andrew hatte. Die schlimmer wurden als ich wegen des Todes meines Großvaters, Nervenzusammenbruch meiner Mutter und dem Selbstmord meines Onkels in Therapie war. Das habe ich ganz vergessen. Und umso schlimmer ist es nun, zu wissen, dass ich mich wieder ausnutzen & benutzen ließ. Offenbar war das ja wohl Futter für Janus. Er war gefühllos, gnadenlos. Ich fühl mich so dumm, so inkonsequent. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. In mir tobt das absolute Chaos.

So viele Gedanken, so viele Erinnerungen gleichzeitig, sodass ich wieder Kopfschmerzen bekomme, ich kotzen möchte und heulen gleichzeitig, doch nichts von dem kann ich in die Tat umsetzen.

Ich möchte mich so gern Noah anvertrauen. Kann es aber nicht. Was, wenn er auf dem Absatz kehrt macht mit dem Gedanken: „Oh Gott, DAS tu ich mir lieber nicht an!“ Oder er mich auch so ausnutzt, so wie alle zuvor? So wie Janus zuvor, der meinen „Seelenstrip“ ja wohl als willkommenen Angriffspunkt genutzt hat?

Da war es wohl schon so weit. Ich war in Therapie wegen meiner Familie und ich musste um „Seelenwärme“ betteln, per Brief. Allein war ich, trotz der Beziehung mit Janus. Ich habe mich erklärt und die Fehler bei mir gesucht. Dabei war er der Gefühlskalte! Verdammt, bei Andrew war ich 14/15 Jahre alt. Der Brief an Janus entstand mit 19, da war ich unterdessen 2 Jahre unter Janus Scheffel. Völlig unsicher mit mir und ihm und allem … und jetzt?

Ich vertraue meinem Urteilsvermögen überhaupt nicht mehr. Ich dachte immer, diese Männer seien gut. Gute Kerle, die mich lieben und mich respektieren und achten. Fehlanzeige. Fehlannahme.

Aber vielleicht bin ich ja auch die Kaputte? Der Freak von Anfang an? Nie richtig beziehungsfähig gewesen. Der Grund, wieso immer alles so mies lief? Vielleicht hab ich die Männer verkorkst und nicht die mich?!

Oh, Noah! Gutes Leben! So gern will ich es glauben, mir sicher sein.
Aber sicher war ich anfangs meist … und dennoch …

Gewürgt hat Janus mich, seinen Unterarm gegen meine Kehle gedrückt oder mit einer Hand meine Gurgel gegriffen. Mich widerlich geküsst, mir in den Hals gebissen bis zum Bluterguss, „nur ein Knutschfleck“. Und ich meinte noch: „… aber er hat mich ja nie körperlich angegriffen oder sichtbar verletzt oder so.“ Genau!

Er hat mich hinuntergerückt, Richtung Schritt. Ganz egal, ob ich mich abwandte, bettelte und weinerlich jammerte. Mich zum Oralverkehr gezwungen, mich an den Haaren gezogen und mich daran festgehalten. Mit dem Griff mich dazu gebracht, ihm rhythmisch einen zu … Himmel! Wird mir schlecht! „… aber das war ja alles nicht so schlimm, wie es klingt!“, meinte ich kürzlich noch, als Noah mich fragte, ob mit klar sei, dass ich missbraucht worden bin. Ich muss doch völlig verrückt sein!

Mich in die Matratze gedrückt, hat er.Mir am Poloch rumgespielt und mit Fingern eingedrungen. Ja, irgendwann “nur“ noch mit den Fingern, nachdem ich mich mehrmals gegen Analsex erwehrt hatte.

Was habe ich diskutiert und bin geflüchtet in der Hoffnung, dass er damit mal aufhörte. Die verklemmte, nicht zu verstehende Kuh war ich. Die, die das doch mal mochte. Soviel zu seinem „Aber du mochtest das auch mal… am Anfang.“ Nur, weil ich dabei aufstöhnte…vor Schmerz, nicht weil ich es geil fand oder doch? Ich weiß es nicht. Ich weiß nichts mehr. Ich weiß nur, dass alles wehtut. Meine Seele. Mein Herz. Mein Bauch. Mein Kopf…ALLES!

Das kann ich keinem erzählen. Niemandem. Wirklich. Das will keiner hören oder sich nur vorstellen müssen!

Aufgeben will ich…
Wegrennen vor mir selbst und allem. Nur trau’ ich mich nicht es zuzugeben.

Funktionieren will ich…
Das Leben wieder genießen. Aber diese Gewitterwolke, sie schwebt über mir, in meinem Kopf, in meiner Brust.

Schlecht ist mir, jetzt da ich das schreibe…
Die gegessene Suppe kommt mir den Hals hoch und lässt mich husten. Mein Bauch schmerzt wieder, wie so oft. Vielleicht sind es wirklich absolut psychosomatische Bauch- /Leberbeschwerden?

Ich weine gerade fast…
Bin ich fasziniert davon. Zwar nur ganz kurz geweint, so drei Symboltränen, aber hey! Ich fühle und lebe noch!

Ich bin in Noah verliebt, ganz klar….
Ich will es aber nicht sein. Das ist so kompliziert. Er will mich verstehen und für mich da sein. Das kann er aber nicht. Mich verstehen. Ich verstehe mich ja selbst nicht. Für mich da sein. Ich lasse es ja nicht zu. Keine Emotion, keine Schwäche…Zusammenbruch?! Geht nicht!
Was, wenn er mich damit ausnutzt? Ich mich an ihn binde, weil ich ja schwach bin und eine Schulter zum Ausheulen brauche? Ich will mich damit nicht beschäftigen. Die Angst macht mich alle. Zu viele ungeweinte Tränen. Zu viel Schmerz. Zu viel…von allem zu viel. Ich hab mich kein bisschen verändert. Alles wiederholt sich. Das zeigt der Text den ich 2008 an Janus schrieb.

Mieser Freund (Andrew), schreckliches Beziehungsleben…Schluss. Neuer Freund (Janus), Ängste und Erinnerungen, Herz ausschütten, wieder schreckliches und obendrein langes Beziehungsleben…Schluss. Und von vorn…neuer Freund (Noah), Ängste und Erinnerungen…

Ich bin doch die IRRE! Ich bin die Kranke unter allen!

Ich lese meinen eigenen Text und denke mir nur: „Verdammt, bist du theatralisch und selbstzerstörerisch.“

Zu viel Gefühl, von allem zu viel. Und das soll ich Noah erzählen? Oder meinen Freunden? Meiner Familie?! Niemals!

Dass ich mir die Haut vom Körper reißen möchte, weil sie sich dreckig anfühlt. Baden und waschen kann ich, so oft ich will, es klebt an mir. Kein Desinfektionsmittel der Welt kann mir die Krankheitserreger im Kopf abtöten. Ich bin so am Ende. So am Ende, dass ich mir selbst Angst einjage.

Keine eigene Wohnung, kein zu Hause. Immer auf dem Sprung. Arbeiten. Arbeiten hilft. Wenigstens das geht noch annäherungsweise. Und auch da finde ich nicht mehr das rechte Maß. Ich übernehme mich und stürze dann wieder in ein Tief. Weil ich meine Energiebatterie fast bis auf null ausgesaugt habe. Ich missbrauche mich selbst. Esse und trinke kaum, sofern Noah nicht drauf achtet.

Ich hänge am Leben, doch will ich genau DIESES nicht. Ich will einmal in meinem verfickten Leben einen Radiergummi nutzen können und alle beschissenen Erfahrungen wegradieren.

Ja, sie haben mich zu der gemacht, die ich nun bin. Nur im Moment will ich nicht die sein, die ich bin. Ich fühl mich so schwach und zerbrochen. So zweigeteilt. Alles schmerzt… alles… unaufhörlich. “And it hurts with every heartbeat“, ,singt „Robyn“ Genau! Und schmerzt es nicht, dann ist alles leer, dumpf und stumpf.

Das Leben ist schön, ja, bis es wieder beschissen wird. Weil ich mir selbst im Weg stehe und wieder die Angst kommt. Ich hoffe, irgendwann wächst Gras über alles, was war, irgendwann. Dass eine Therapie wirklich hilft? Dass es nicht mehr so schmerzt. Ich alles genießen kann ohne Angst vor Ausbrüchen, Panikattacken, Depressionen, Schmerz, Leere, der Achterbahn und der Angst selbst. Damit Schluss ist mit dem „zu viel von ALLEM“! Damit ich erfüllt sein kann und positiv… falls ich das jemals wieder kann?!“

Heute

Wir sind mutig.

Ich habe noch so viel zu erzählen. Ich will noch viel mehr erzählen. Aber statt ausladende, Seiten füllende Beiträge, herrschten Monate der Stille.

Da bin ich mit meinem letzten Beitrag einfach „losgegangen, um mal zu schauen, wohin ich komme, wenn ich gehe.“ Ein beherzter Sprung in die Öffentlichkeit.

Ihr habt mich mutig genannt. Mutig, dass ich so offen über meine Probleme und Schwächen berichte. Ihr habt mir euer Mitgefühl, Bedauern und Hochachtung mitgeteilt. Ihr habt mir eure Geschichten und Probleme anvertraut. Direkt oder anonym, schriftlich oder persönlich, weiblich wie auch männlich. Eure Resonanz ist beglückend groß. Eure Geschichten, eure Direktheit & Offenheit sind riesig. Danke, ihr seid toll!

Genau diese große Resonanz, die mir immer noch so viel Energie und Freude bringt, hat mir gleichzeitig zig Fragen durch den Kopf schießen lassen. So viele, dass ich noch immer Mühe habe sie zu ordnen und mir klar zu werden, worüber ich denn jetzt nun weiter schreiben will. Wo ich anfangen will. Was ich thematisieren will.

Eigentlich wollte ich chronologisch mit meinen Erlenbissen weitermachen. Nach der Trennung kommt das große Loch *Häkchen*, die Verwirrung&Perspektivlosigkeit *Häkchen* und der Beginn der Therapie *Häkchen*. Ist doch ganz einfach, nicht wahr?

Über mich und mein Leben zu schreiben, ist schwerer als ich anfangs dachte. Und ehrlich gesagt geht es in diesem Beitrag auch gar nicht so sehr um mich. Auch wenn die ersten 7 Seiten mit meinen Gedanken gefüllt sind. Dominanter sind da drei Dinge, drei Themen. Die habe ich in den letzten Monaten, nach dem ersten Beitrag, permanent mit mir rumgeschleppt. Die ließen mich nicht los. Das Thema Mut. Das Thema Verletzlichkeit. Und das Thema Stärke. Genau mit diesen Themen mache ich weiter! Und wer hat mich darauf gebracht? Ihr!

Eure Reaktionen waren Balsam für meine Seele, jedoch habt ihr mich auch aufhorchen lassen. Jeder von euch hat neben seinen/ihren eigenen Geschichten und der Respektbekundung, meist noch einen Beisatz fallen lassen. Diese Beisätze waren:

  • „Wahnsinn, ich könnte das nicht!“
  • „Ich wäre gern auch so mutig.“
  • „Den Mut dazu hätte ich nie im Leben, ich traue mich schon ganz andere Sachen nicht.“
  • „Hattest du nicht Angst vor den Reaktionen? –Also ich hätte die gehabt.“
  • „So stark wäre ich auch gern.“

Diese Sätze haben mich unheimlich frustriert.
Ich erzählte euch lang und breit von meiner Psychosomatik, den Superkräften des Körpers, Gehirnprozessen und meinen Erkenntnissen. Und alles, was hängen blieb, schien die Tatsache der 8 Jahre – Vergewaltigung zu sein. Das Positive fiel irgendwie so hinten runter. Ihr habt mir eure Geschichten erzählt. Und meintet im Vergleich seid ihr schwach und ängstlich! Was zur Hölle…?! Das Wichtigste, so schien es jedenfalls, habt ihr dabei vollkommen übersehen.

IHR habt Krebserkrankungen, Burn-out, Depressionen, kranke und verstorbene Angehörige, Unfälle und andere schlimme Erlebnisse, mit denen und/oder gegen die ihr kämpft. Mit denen ihr lebt oder die ihr überlebt habt. Das nenne ich mutig.

IHR habt mir diese Geschichten einfach erzählt. Das nenne ich mutig.

IHR habt mich, oftmals komplett unbekannt, angesprochen & angeschrieben. Das nenne ich mutig.

IHR habt mir spannende Fragen gestellt, die mich zum Nachdenken brachten. Das nenne ich mutig.

Durch meinen letzten Beitrag wisst ihr ja, wie gern ich Wissen wie ein Schwamm aufsauge. Seien es Bücher, Filme, Dokus, Konferenzen oder sonst was, das irgendwie die Themen, mit denen ich mich beschäftige, tangiert. Beim Lesen über Mut habe ich Folgendes gefunden:

„Die Wurzel des englischen Wortes für Mut, courage, ist cor – die lateinische Bezeichnung für Herz. In einer seiner frühesten Formen wurde Courage bzw. Mut also ganz anders definiert, als es heutzutage der Fall ist. Ursprünglich bedeutete es offen zu sagen, was man denkt, indem man anspricht, was einem auf dem Herzen liegt. Im Laufe der Zeit hat sich diese Definition verändert; heute bedeutet sie eher sich heldenhaft verhalten. Heldentaten sind wichtig und Helden werden gebraucht; doch ich glaube, wir haben den Bezug dazu verloren, dass die wahre Definition von Mut besagt, aufrichtig und offen darüber zu sprechen, wer wir sind und was wir fühlen und erleben (ganz egal ob es gut oder schlecht ist). Bei Heldentaten geht es darum, unser Leben aufs Spiel zu setzen. Bei gewöhnlichem Mut geht es hingegen darum, unsere Verletzlichkeit aufs Spiel zu setzen.“ (Brené Brown, „Die Gaben der Unvollkommenheit“, S. 38)

Also haben wir doch etwas gemeinsam. Ich habe mutig von mir erzählt. Und ihr mutig von euch. Wir sind mutig. Ich dachte das sei glasklar.

  SeiPippi_SeiMutig

Wir sind Verletzlich.

Es dauerte nicht lang, dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen!

Ich kannte meine eigene Geschichte natürlich in und auswendig. Ihr nicht. Ihr habt sie zu dem Zeitpunkt aus dem Nichts kommen sehen.

Ich hatte ganz vergessen, dass ich im Vergleich zu euch, ein Jahr Vorsprung hatte. Bereits ein Jahr mit Therapie und ständiger Arbeit an mir selbst. Ich wollte die Freude mit euch teilen. Euch zeigen, was wir Menschen imstande sind zu leisten. Euch zeigen, wie gut ich nun mit meiner eigenen Verletzung umgehen kann. Was ich in der Zeit schon alles gelernt habe. Und, dass ich begriffen habe, dass diese Verletzung, die Verletzlichkeit gut ist.

Mit dem Risiko euch völlig in Entsetzen zu versetzen, habe ich ausgerechnet diesen Beitrag mit oben zitiertem Text begonnen. Der einleitende Tagebucheintrag mit Gedanken von 2008 und 2014 ist ein Teil von mir. Ein Teil meiner Geschichte. Ich orientierungslos. Ich uferlos. Ich direkt nach der Trennung. Ich vor der Therapie. Ich verletzt. Ich als ein einziger offener Nerv. Zu diesem Zeitpunkt meinte ich mal: „Es ist, als hätte ich mit der Trennung an der Tür eines vollgestopften Schrankes gerüttelt. Die Türen sind aufgesprungen und nun quillt alles ungeordnet, unaufhörlich heraus.“

DAS, was ihr dort lesen durftet, war sozusagen mein Ausgangspunkt, vor der Theapie. Ich war so verletzt, ich dachte, das sei das Ende. Ich dachte, ich sei allein. Ich dachte, mich könne niemand verstehen. Ich dachte, das kann ich keinem erzählen. Ich dachte, ich sei nur ein ICH. Und da draußen, da gibt es kein WIR.

Nicht die Vergewaltigungen an sich sind das Schlimmste. Auch nicht die Vergewaltigung überlebt zu haben. Das Schwerste ist, das Erlebte zu verarbeiten. Sich dem Erlebten zu stellen. Dem Schmerz, der Verletzung und der Tatsache, dass ich immer verletzlich bin, egal wie sehr ich versuche mich davor zu schützen. Ich habe den Schmerz betäubt und verdrängt. Ich habe mich eingeigelt. Doch damit betäubte ich neben dem Schmerz, auch Freude, Glück und Wohlgefühl.

.Welcome to the inner workings of my mind, so dark and foul I can’t disguise…can’t disguise. Nights like this I become afraid of the darkness in my heart. Hurricane” singt MSMR. Ja, in mir tobte ein zerstörerischer Hurricane, außen nicht sichtbar. So rutschte ich schnell in eine Isolation. Die war unerträglich. Ich spielte mit Gedanken, das Lenkrad meines Autos in der Kurve fest im Griff zu halten, um einfach weiter geradeaus zu fahren. Das war der Schlüsselmoment, in dem ich begriff, dass nur eines zu tun übrig blieb: die Scham überwinden. Mich mitteilen.

Brené Brown  („Die Gaben der Unvollkommenheit“ S. 33) schrieb dazu sehr treffend:

„Wir müssen unsere Geschichte anerkennen und sie mit jemandem teilen, der sich das Recht verdient hat, sie zu hören; mit jemandem, bei dem wir darauf zählen können, dass er oder sie mitfühlend reagiert. Wir brauchen Mut, Mitgefühl und Verbundenheit. SOFORT. Die Scham hasst es, wenn wir die Hand ausstrecken und unsere Geschichte erzählen. Sie hasst es, wenn sie in Worte gewickelt wird – sie kann nicht überleben wenn sie geteilt wird. Die Scham liebt Verschwiegenheit. Das Gefährlichste, was wir nach einer beschämenden Erfahrung tun können, ist, unsere Geschichte zu verstecken und zu begraben. Wenn wir unsere Geschichte verleugnen bildet sie Metastasen.“

Und wie Brené Brown, erinnere ich mich daran, dass ich mir dachte: „Ich muss JETZT SOFORT mit jemandem reden. Sei mutig!“ In dem Fall war es Noah, dem ich schrieb und später war meine Therapeutin da. Im Laufe der Therapie erfuhren es Freunde und Familie. Und nach einem Jahr, Ihr.

Egal wem ich es erzählte, ich erfuhr Verständnis und Mitgefühl. Ich hörte im Gegenzug von euren Traumata, Schicksalsschlägen und verletzenden Erfahrungen. Wie viel Angst, Verzweiflung und Schmerz ihr durchlebt habt und dennoch seid ihr da. Ihr seid da und erzählt mir davon.

Also haben wir noch etwas gemeinsam. Ich wurde verletzt und bin verletzlich. Und ihr wurdet verletzt und seid verletzlich. Wir sind verletzlich. Darin liegt viel Gutes.

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 Wir sind stark.

Wir müssen akzeptieren, dass wir verletzlich sind. Wir alle. Wir alle sind nicht gefeit vor Schmerz, Enttäuschung, Krankheit, Tod, Scham und allem nur erdenklich Schlimmen auf dieser Welt. Das macht uns aber nicht minder stark. Im Gegenteil. Als ich anfing euch meine Geschichte zu erzählen, habt ihr mit Mitgefühl und Verständnis reagiert. Ihr habt mir eure Erlebnisse mitgeteilt. Und dazu gemeint ihr seid nicht mutig genug. Nicht stark genug.

Auch dazu ploppt in meinem Kopf ein Zitat auf, das ich dazu las: „ Mitgefühl ist keine Beziehung zwischen Heiler und Verwundetem. Es ist eine Beziehung unter Gleichen. Nur wenn wir unsere eigene Dunkelheit gut kennen, können wir mit Dunkelheit anderer gegenwärtig sein. Mitgefühl wird real, wenn wir unsere gemeinsame Menschlichkeit erkennen.“ (Pema Chödrön, „Geh an die Orte, die du fürchtest.“)

Ihr seid sehr wohl stark. Und ihr seid verletzlich. Wir sind nicht perfekt. Das ist gut so. Und dennoch scheinen wir danach zu streben. Ich habe in den letzten eineinhalb Jahren gelernt, genau diese Verletzlichkeit und das unperfekte als Stärke zu betrachten. Und ich übe täglich weiter!

Wir alle identifizieren uns mit unvollkommenen Dingen. Wie zum Beispiel einem zerbrochenen Krug, einem rostigen verbeulten Eimer oder alten, morschen Europaletten. Wir füllen diese unperfekten Dinge mit Erde und Pflanzen. Das nennen wir dann Upcycling und betiteln es mit: „ Das hat Charme!“ Wir lieben und bewundern das Unperfekte. Weil wir es auch sind. Weil es uns vertraut ist. Perfektion ist unnatürlich und unerreichbar. Gewöhnlich erwarten wir von anderen keine Perfektion, aber mit uns selbst gehen wir oft umso härter ins Gericht. Meinen wir seien nicht stark, nicht mutig, nicht hübsch, nicht perfekt genug. Doch das sind wir! Schon während wir das behaupten und es anderen mitteilen, beweisen wir unbemerkt Stärke und Mut. Wir zeigen in jenen Momenten Stärke, weil wir keine Scheu haben, unsere Makel offen zur Schau zu tragen. Ich glaube, das verbindet uns ungemein.

„Wir sollten uns von dem Mythos der Eigenständigkeit verabschieden. Eines der größten Hindernisse auf dem Weg zum Miteinander ist die kulturelle Bedeutung, die wir dem Etwas-im-Alleingang-Erreichen verliehen haben. Irgendwie sind wir soweit gekommen, dass wir Erfolg damit gleichsetzen, niemanden zu brauchen. Viele von uns sind bereit anderen behilflich zu sein, doch wir sträuben uns dagegen, andere um Hilfe zu bitten, wenn wir sie einmal benötigen. Es ist so, als hätten wir die Welt aufgeteilt in diejenigen, die Hilfe anbieten und diejenigen die Hilfe benötigen. Die Wahrheit ist: wir gehören zu beiden Gruppen.“ (Brené Brown, „Die Gaben der Unvollkommenheit“ S. 49f)

Die wahre Vollkommenheit und Stärke liegt in unseren Makeln, in unserer Verletzlichkeit. Wir müssen sie nur zu lieben und zu schätzen wissen! An uns selbst, nicht nur an anderen. Ich hab meine Geschichte veröffentlicht, um zu zeigen, dass ich immer stark war und bin, trotz meiner Hilfebedürftigkeit und Verletzlichkeit. Auch wenn ich mich in vielen Situationen nicht so fühlte oder fühle. Manchmal bemerkt man die eigene Stärke, den eigenen Mut nicht. Eure Reaktionen haben gezeigt, dass ihr ebenso stark und mutig seid.

Dass es ein WIR gibt.
Wir sind mutig. Wir sind verletzlich. Wir sind stark.
Und das ist gut so.

Wir sind stark_LassMalGlauben_01

EsGibtVieleWege

Psychosomatik: Alarmsystem des Körpers

Jede Sendung und jeden Artikel über Psychosomatik, Schutzmechanismen des Körpers und Psychologie saugte ich auf, wie ein Schwamm das Wasser.

Psychosomatik und psychosomatischer Schmerz: Warum? Woher? Wie?…Ein paar Anregungen und Fakten zum Thema. Informativ zusammengetragen und spannend zusammengefasst, bei Scobel. Viel Spaß beim schauen!

Hier geht’s zu Sendung:
Scobel:  „Kranke Seele, Kranker Körper“

Alsichmirbewusstwurde...Teil2

Als ich mir bewusst wurde… Teil 2

Schutzmechanismus Verdrängung & Psychosomatik als Alarmsignal
Meine Seele hat Krebs

Tagebuch, 06.02.2015:
„Meine Seele hat Krebs“

Aufgewacht, gegen 6 Uhr. Kotzübel, Kreislauf instabil und Schwindel enorm. So bin ich vorhin relativ schnell, aber wackelig ins Bad gestürzt. Schüttelfrost. Zitternd habe ich vor dem WC gehockt mit dem Gefühl mich gleich übergeben, zu müssen. Abgewartet. Kraftlos zusammengerutscht. Immer noch zitternd, mit schmerzendem rumorendem Bauch kauerte ich im Bad. Es klopfte an der Tür. Es war Noah. Mit Zögerlichem: „Darf ich reinkommen?“, öffnete sich die Badtür. Er setze sich neben mich, das beruhigte mich – es beruhigt mich immer. Die Wärmflasche hat er mir gemacht. Mir ein Kissen zum Anlehnen geholt. Mit mir im Bad gehockt. Ich erzählte, dass ich nicht weiß, wovon ich geträumt habe, aber der Auslöser war wohl wieder der Kopf?!

Bestimmt. Was sonst? Immerhin bin ich organisch gesund. Doch der Kopf, das habe ich nun oft genug durchlebt, kann einem übel mitspielen.

Da gibt es das Darmhirn, ein Gedächtnis im Bauch, das prägt sich so wahnsinnig viel ein. Giulia Enders hat es im Buch „Darm mit Charme“ wunderbar amüsant und verständlich beschrieben. Der Bauch reagiert auf Gefühle und Gedanken. Bei dem einen weniger, bei anderen, wie mir, mehr.

Was sich in meinem Kopf abspielt? Warum ich Dinge träume, die mir Übelkeit bescheren? Und warum erinnere ich mich erst jetzt, 1 Stunde nach dem Traum eigentlich daran, was ich geträumt habe?

Letzter Frage Antwort: Schutz. Der Körper hatte gerade Wichtigeres zu tun als sich an etwas zu erinnern. Der musste erst mal mit den ausgelösten Symptomen wie Schüttelfrost und Übelkeit reagieren, die Alarmglocken schellen lassen und das wieder in den Griff kriegen. Alles in kleinen Dosen, Stück für Stück.

Ich träumte, meine Seele hat Krebs, weswegen ich eine Chemo begonnen habe, von der mir regelmäßig kotzübel wird.
Ein schönes Sinnbild. Spannend, welche Bilder mein Kopf findet. Nur bin ich nicht von organischem Krebs befallen. Ich habe eine posttraumatische Belastungsstörung. Die Chemo ist dann also wohl die Verarbeitung, meine Therapie.

Wie mach ich das?
BinBeeindruckt

„Alles ist besser, als diese Gefühlslast. Alles ist besser als dieses körperliche Leiden.“ beschloss ich damals. Und ging.
Vermutlich hätte ich das mit dem Wissen um mein Befinden danach, in dem Moment nicht mehr gedacht.

Ich habe aber über die vielen warum?-, woher?- und was wäre, wenn?- Fragen eins begriffen: Mein Körper ist zu Großartigem fähig! Er kann verdrängen, zum Schutz!

Aber wie macht er das? Wie mache ich das? Raffiniert macht er das! Raffiniert mache ich das! Da war sie wieder, meine Neugier und das Bedürfnis unbedingt die Zusammenhänge und Ursprünge verstehen, zu wollen. Also wälzte ich Bücher und Zeitschriften und schaute allerhand Sendungen.

Wir haben nach aktuellem Wissensstand drei Gehirne. Den ältesten Teil nennen wir „Reptiliengehirn“. Dort entstehen Reflexe wie die Fähigkeit zur Flucht, zum Kampf oder zum Erstarren. Das Zweite heißt „emotionales Gehirn“ oder auch „Säuglingsgehirn“. Dort entsteht unter anderem die Sehnsucht nach Bindung. Es ist unser emotionales Gedächtnis, das alle positiven wie auch verletzenden Beziehungen abspeichert. Und als Drittes hätten wir da den Neokortex. Mit ihm analysieren wir Erlebnisse bewusst, speichern Erinnerungen und können uns in andere hineinfühlen. Das ist der Teil, den wir brauchen, um Konsequenzen unserer Handlungen einzuschätzen.

Dr. Konrad Strauss (Neurologe, Psychiater & Psychotherapeut) meinte in einem Artikel der GeoWissen (Ausgabe Nr. 55 „Zuversicht“, S. 155 … um genau zu sein) dazu Mal: „… wenn wir emotional verletzt werden, reagieren wir als Erstes mit den Möglichkeiten unseres Reptiliengehirns: Entweder wir Verdrängen den Schmerz und vermeiden so, uns damit auseinanderzusetzen- wir fliehen also. Oder wir entwickeln Wut, ergehen uns in Rachegedanken oder üben Vergeltung: Wir kämpfen. Oder wir verfallen in eine Apathie, in dem unsere Gefühle, wie gedämpft sind – wir erstarren. Gegen diese Reaktionen können wir nichts tun. Sie sind natürlich. Aber wenn es uns einmal besser gehen soll, sind sie eben nur der erste Schritt.“

Den ersten Schritt habe ich damals ganz automatisch getan. Ich habe schmerzliche Gedanken erst verdrängt: Ich bin geflüchtet. Auch die Apathie, das Erstarren, kenne ich nur zu gut. Ich habe alle belastenden Gefühle und Erinnerungen einfach verdrängt, ja sogar vergessen. Als ich mir Stück für Stück bewusst wurde, begann ich mich zu fragen: „Ob das so gut ist?“

Ja, ist es! Es ist, wie Dr. Strauss schrieb, ganz natürlich. Das ist ein absolut gesunder und wichtiger Mechanismus, der überlebenswichtig ist. Mein Körper hatte so viel Kraft, alles was mich zu sehr belastet und an dem ich kaputt gehen könnte, zu filtern. Mich sozusagen ungefragt zu schützen. Er ließ mich vergessen und „den Schmerz runterschlucken“, bis zu dem Zeitpunkt, an dem mein Körper meinte, bereit zu sein. Bereit sich damit zu befassen, bereit zu reflektieren, bereit meinen Neokortex einzuschalten.

Alarmsystem Des Körpers

In all der Zeit hat mich mein sogenanntes Darmhirn treu begleitet. Für mich gibt es nicht nur drei Gehirne, für mich gibt es wenigstens vier. Wie ich darauf komme?

Als ich da so „wie ausgekotzt“ im Bad saß und versuchte mich an das Geträumte zu erinnern, kam mir das Buch „Darm mit Charme“ in den Sinn. Das lag zu der Zeit auf dem Nachtschränkchen als abendliche Gutenacht-Lektüre.

In diesem Buch wurde beschrieben, dass jeder von uns aus einem Darmrohr entsteht. Alle Organe bilden sich aus diesem heraus. Auch das Gehirn. Der Darm ist unser Ursprung. Er ist extrem selbstständig und hat im Körper die zweitgrößte Ansammlung an Nervenzellen, nach dem Gehirn im Kopf. Zwischen Darm und Hirn herrscht unbewusst, permanenter und reger Austausch.

Immer, wenn ich mich ärgerte, mich ängstigte, mir etwas zu schmerzvoll, zu aufregend, kurz: zu belastend war, schaltete sich mein Reptiliengehirn ein. Ich bin „geflüchtet“ oder „erstarrt“. Ich habe, dank meines Repitilienhirns, das Unverarbeitbare „runtergeschluckt“. Und immer dann, wenn diese unverarbeitbaren Brocken im Bauch landeten, meldete sich mein viertes Hirn. Es schrie laut: „Das ist nicht verdaubar!“

Es dauerte einige Zeit, aber langsam dämmerte es mir. Klick machte es, als ich auf den Badfliesen saß. Und ich dachte in dem Moment: „Aha! So viele unfassbar komplexe Prozesse laufen da also ab. Die sind alle nur dafür da, dass es mir gut geht. Die sind alle da, um mich zu schützen und mich wach zu rütteln. Meine Seele hat kein Krebs. Mein Körper hat Superkräfte!“

EsGibtVieleWege

Es hat mir nicht nur verständlicher gemacht, was in meinem Körper eigentlich passiert. Es hat mir auch näher gebracht, dass alles in meinem Körper zusammenhängt. Dank meines Darmhirns ging ich wie von allein Schritt 2 und schaltete meinen Neokortex ein. Ich verstand endlich das, was in und mit meinem Körper passierte.

Dieses Verständnis half und hilft mir unheimlich dabei Psychosomatik als etwas Gutes und Wichtiges anzuerkennen. Ich wurde mir Stück für Stück bewusst. Es ist ein Alarmsystem meines Körpers. Es ist mein Schutzmantel. Es gehört zu mir. Es gehört zu uns. Eine Superkraft! Und die hat jeder!

Was wäre, wenn…?

Nach dieser Nacht im Bad kannte die Neugier in mir keine Grenzen. Darm mit Charm wurde für mich eine heilige Schrift. Jede Sendung und jeden Artikel über Psychosomatik, Schutzmechanismen des Körpers und Psychologie saugte ich auf, wie ein Schwamm das Wasser.

Ich stellte sehr schnell fest, dass ich natürlich nicht die Einzige bin, die mit Gebrechen und Leiden lebt. Schmerzen und Zipperlein, die auf den ersten Blick keine eindeutige Ursache haben. Meine Freundin ist wortwörtlich „verschnupft“, wenn ihr was gegen den Strich geht. Noah bekommt Verspannungen im Schulterbereich, wenn die „Last auf seinen Schultern“ zu groß wird.

Ich begann neben meinem Schwammdasein, Pilatesunterricht zu nehmen. Zum einem um mich bewusster wahrzunehmen, auszubalancieren und wieder einzuloten. Zum anderen um mir trainierende Bewegung zu gönnen. Ich fragte mich: „Was wäre, wenn wir alle unsere Signale des Körpers besser wahrnehmen würden? Mit uns bewusst in Dialog treten. Ist das nicht das, was unsere Natur ist? Vielleicht geht es mir dann ja besser? Vielleicht ginge es vielen von uns besser?“

Ich bin dankbar, dass mein Körper solch großartige Kräfte besitzt. Dass der menschliche Körper zu so vielen unglaublich spannenden Mechanismen, Taktiken und Tricks fähig ist. Diese schwere Zeit und diese schlimmen Erfahrungen haben mir die Möglichkeit geboten, mir bewusst zu werden.

Ich versuche, diese Superkräfte nun bewusst zu nutzen, mit mir in Dialog zu treten, wann immer es geht.

Wege gibt es viele.

Na, dann: „… gehe ich mal, um zu schauen, wohin ich komme, wenn ich gehe.“

Alsichmirbewusstwurde...Teil1

Als ich mir bewusst wurde… Teil 1

Schutzmechanismus Verdrängung & Psychosomatik als Alarmsignal
Was ist DAS?

Tagebuch 14.01.2013:
„Es gibt Schlimmeres …“

Eigentlich wollte ich früh ins Bett, denn ich muss morgen ja relativ zeitig raus. Und nun? Nun schreibe ich mit mir selbst, liege mit Übelkeit und Bauchrumoren wach. Immerhin sind es keine ausgewachsenen Krämpfe, aber ich habe es satt. Satt …jaaaaa, das bin ich oft, nicht im eigentlichen Sinn, aber im metaphorischen. Meine Nerven liegen blank. Die Tränen laufen in letzter Zeit öfter mal, einfach so. Ich dachte ja, die Diagnose Laktose-, Fructose- und Sorbitintoleranz wäre der Startschuss für das Ende des Leidens. Ende von Magenspiegelung, Darmspiegelung und Atemtests. Ein Ende des ständigen Schiebens der Probleme auf Helicobakter Pylori oder sogar auf meine Psyche. Aber irgendwie ist dem nicht so. Im Gegenteil, es ist ein ständiges Auf und Ab. Ein Herumprobieren und Austesten inklusive Ernährungsberatung, die offenbar nichts bringt.

Ich war immer eine Naschkatze und nun macht mir das Essen überhaupt keinen Spaß mehr. Viel Gemüse und Obst essen, so wie damals, ist nicht mehr drin. Jetzt verursachen schon 200 g gekochte Möhren Darmgrummeln und Unwohlsein. Kartoffeln, Maiswaffeln, Reis und Avocado sind Sachen, die ich vertrage und die mir nun langsam zu Halse raushängen. Ich war noch nie der große Fleischesser. Unterdessen wird sich mein Magen wohl so sehr verkleinert haben, dass jede normale Mahlzeit unangenehmes Völlegefühl verursacht. Ich wiege nur noch 48 kg und könnte etwas mehr Nahrung dringend vertragen. Doch dann kommt wieder die Angst. Ist es jetzt nur das Sättigungsgefühl oder habe ich in 2 Stunden wieder Blähungen, Krämpfe, Rumoren oder gar Durchfall und die grauenhafte Übelkeit? Ich dachte immer, ich kann das auseinanderhalten, aber auch diese Fähigkeit scheint mir verloren gegangen. Durchfall hat da manchmal sogar was Gutes, dann ist das „böse“ gesunde Zeug raus aus dem Bauch und es wird hoffentlich schnell besser. Unterdessen werde ich das Gefühl nicht los immer neurotischer, zu werden. Ich habe nicht nur keinen Spaß mehr am Essen, ich habe teilweise Angst davor oder dem, was danach kommt. Noch schlimmer ist es abends und nachts, wenn ich ohne ersichtlichen Grund wieder von dieser furchtbaren Übelkeit, wie bei einer Magen-Darm-Grippe, geweckt werde. Krank oder? Das war nicht immer so. Das hat sich entwickelt. Grund für manche Ärzte zu glauben ich sei essgestört oder irgendwie psychisch belastet.

Es belastet ja nicht nur mich, sondern auch Janus, mein armer Mann. Ständig jammere ich und keuche wegen der Schmerzen und Übelkeit. Ich habe keine Lust auf Sex oder sonstige körperliche Aktivität, weil ich immer wieder mit Krämpfen oder Übelkeit kämpfe. Ich sage schon nach dem Essen, innerhalb der nächsten 3 Stunden aus Prinzip „Nein.“, weil ich lieber „zur Vorsicht“ erst mal abwarten will, ob ich Probleme vom Essen bekomme. Ich meine was sollte diese „Vorsicht“ schon bringen? Entweder mir wird schlecht oder nicht, entweder ich bekomme Krämpfe oder nicht. Mein ganzer beschissener Alltag ist schon davon eingenommen. Ich bin ein Nervenbündel, völlig unentspannt und gereizt ohnehin. Kommt mir mein Freund oder irgendjemand mit Bedürfnissen, fällt es mir momentan schwer nicht genervt davon zu sein. Der Gedanke „Komm mir nicht damit, es gibt echt schlimmeres … zum Beispiel nicht ESSEN ZU KÖNNEN!!!“ läuft bei mir dann in Dauerschleife. Weggehen mit Freunden – und ich liebe meine Freunde, Sie machen mich glücklich und bringen mich zum lachen – macht auch kaum noch Spaß. Sie knabbern vor sich hin und trinken Ihr Bierchen oder Wein. Ich bestelle mir am Abend 3 Kamillentees und habe schon Angst, dass etwas passiert, wenn ich Salzstangen knabbere. Armselig. Ich traue mich ja nach dem Essen schon oft gar nicht mehr aus dem Haus, aus Angst mein Bauch rumort unterwegs und nirgends ist eine Toilette in Sicht. O.k., ich jammere gerade echt viel. Ich könnte es schlimmer haben und Hunger leiden, weil es kein Essen gibt, weil ich in der Dritten Welt aufwachse. Ich könnte obdachlos sein, ohne Job und ohne Perspektive. Schlimmer geht immer. Fakt ist nur, ich HABE EIN PROBLEM und ich weiß nicht, wie ich darüber Herr werden soll. Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll und woher ES rührt.

Foren sind nett zu lesen, aber da tummeln sich, so wirkt es jedenfalls, jede Menge Leute mit demselben Problem und ebenfalls keiner richtigen Lösung. Es deprimiert eher noch mehr, zu lesen, dass einige seit 10 Jahren Intoleranzen kämpfen und immer noch nicht Ruhe eingekehrt ist. Bücher über Bücher gibt es und jedes sagt etwas anderes. Das ist doch zum Mäusemelken oder? Mal ehrlich, wer wäre da nicht genervt und gewillt mal ordentlich zu jammern? Meine Ernährungsberaterin, freundlich bezahlt über die Krankenkasse, zieht auch nur Ihr Standardprogramm durch. Nette Frau, nur hilft mir ein: „Das dürfte aber nicht sein. Das verstehe ich nicht.“ auf mein: „Ich habe mir Milchreis mit Traubenzucker und Laktosefreier Milch gemacht und danach Durchfall“ bringt mich auch nicht weiter.

Abgesehen mal davon, dass ich Milchprodukte liebe, ist das noch das geringere Problem. Die Fructose ist viel übler. „Sie dürfen Möhren und Kohlrabi essen … na klar das vertragen sie.“ Und dann esse ich zum Test 200 g Möhren und danach rumort mein Bauch, als gäbe es kein Morgen mehr. Nur Hungergefühlsgrummeln? Hm nein, eher nicht.

Ich habe noch keine Ahnung, was mir das Aufschreiben überhaupt bringen soll. Vielleicht hat mich auch nur „Sex and the City“, was gerade auf SIXX läuft, dazu gebracht, jeden noch so kleinsten und hirnrissigen Gedanken aufzuschreiben als sei es eine gut recherchierte Kolumne, die andere Menschen interessiert. Natürlich ist das nicht so, denke ich.

Aber hey, es lenkt wenigstens ein bisschen vom Bauchgrummeln und der Übelkeit ab…

 Warum …?

Auch damals habe ich mich schon gefragt warum, ich mit diesen Bauchproblemen zu tun habe. Ich fragte mich auch, woher das rührt. Ich habe mich selbst als „neurotisch“ und „Nervenbündel“ bezeichnet. Aber die Psyche als triftiger Ansatzpunkt für all das körperliche Leiden kam als Möglichkeit partout nicht infrage. Es wäre jedoch die logische Schlussfolgerung gewesen. Keine Auffälligkeiten bei der Magenspiegelung, keine Ungereimtheiten bei der Darmspiegelung. Ein paar Intoleranzen, die man bei Stress, schweren Krankheiten und OPs entwickeln kann. Keine schwere Krankheit oder OP gehabt. Also konnte es ja nur Stress, meine leidende Seele sein. Aber das habe ich verdrängt. In der Disziplin namens Verdrängung war ich Meister! Ich schob es auf den Studienstress, das Diplom, die ständigen Diskussionen mit dem Arbeitsamt und meinen Weg in die Selbstständigkeit. Bis ich berufsbedingt zu Sommerfestspielen fuhr und selten zu Haus war. Mir ging es weit weg von zu Haus blendend! Trotz Arbeitsstress, trotz Selbstständigkeit. Merkwürdig war es, dass ich immer Bauchstechen bekam, wenn Janus sich zu Besuch ankündigte. Immer wenn er da war, hatte ich wieder Bauchprobleme. Mal mehr Mal weniger. „Komisch“, dachte ich mir. „Wir haben so unsere Auseinandersetzungen und manchmal bringt mich Janus tierisch auf die Palme, aber das ist ja normal in einer Beziehung“, sagte ich mir. „Wenn er jetzt einen tödlichen Autounfall hat oder an einer lebensbedrohlichen Erkrankung stirbt, würde ich ihn schon vermissen“, malte ich mir aus und meinte damit den Beweis zu haben, dass alles o.k. sei und ich ihn wirklich liebe. Diese harten Gedanken fand ich kein bisschen bedenklich.

… und woher?

Und dann war da Noah. Beruflich kennengelernt, ein guter Berater. Wir gingen mal zusammen auf dieselbe Schule. Hatten aber eigentlich nie wirklich etwas miteinander zu tun. Über die alten Schulzeiten tauschten wir uns neben Unternehmensberatungsthemen aus. Wir stellten Parallelen und Schnittstellen in unseren beiden Lebensläufen und Lebenseinstellungen fest. Wir schrieben und bis tief in die Nacht Nachrichten. Kurz und emotional ausgedrückt: Es entwickelte sich eine unglaublich enge und wohltuende Freundschaft. Da meldeten sich auf einmal Sehnsüchte. Nach einem Partner, der mich ein wenig bewundert und mir sagt, dass ich beruflich echt viel leiste. Nach einem Partner, der gern mit mir gemeinsam kocht, anstatt 23 Uhr, wenn ich von Arbeit komme, zu fragen, was es zu Essen gibt. Nach
einem respektvollen Gesprächspartner. Nach einem Romantiker. Nach so vielen Dingen mehr. Oh, diese Sehnsüchte waren auch vorher schon da. Aber die wurden mit Gedanken, wie: „Wenn ich bewundert werden will, muss ich mehr leisten. Eine Beziehung ist auch Arbeit. Janus ist halt nicht so der Koch. Eine Beziehung ist nicht immer perfekt. Ich bin ja auch nicht perfekt, also kann ich es von Janus ebenso nicht erwarten. Romantik ist eine Illusion, Realismus ist besser.“ beiseitegeschoben.
Die Gedanken und Gefühle konnte ich gut beiseiteschieben. Wie schon erwähnt, ich war Meister in Verdrängung. Nur gab es da eine Sache, die immer auffälliger wurde. Ich war beruflich unterwegs: Mir ging es gut. Ich musste bald nach Hause: Der Bauch meldete sich lautstark. Da ploppte ein Satz von Ofelia in meinem Kopf auf: „Vielleicht ist es ja doch was Psychosomatisches?“. Das fragte sie mich mal bei einem gemeinsamen Kochabend, an dem ich natürlich nichts essen konnte.

Die „Was wäre, wenn …?“ – Lawine

Ich belächelte diesen Satz an jenem Abend mit: „Ach Quatsch, mir geht’s es doch gut!“ Doch diese Frage wurde immer lauter. Wie eine Sirene schrillte sie in meinem Kopf. Und langsam schlich sich die Frage „Was wäre, wenn es doch so ist?“ ein. „Was wäre, wenn die Beziehung mit Janus das Problem ist?“ und „Was wäre, wenn ich mich trenne und von all den Bauchschmerzen, der Mattheit, der Übelkeit, den Durchfällen und alledem befreit wäre?“ Eine Lawine an unbeantwortbaren „Was wäre, wenn“-Fragen brach in mir los und überrollte mich. Tage und Woche vergingen und ich hatte das Gefühl unter Ihrer Last zu ersticken. Ich wollte nicht nach Haus. Ich wollte arbeiten und unterwegs sein so oft es ging. Der Gedanke an zu Haus brachte mir unmittelbar Übelkeit. Jeden Abend vor dem zu Bett gehen, fühlte ich mich hundeelend. Ich schloss mich regelmäßig ein und nahm ein hoffentlich beruhigendes Bad. Ein reinigendes Bad. Was für die Seele. Ich fühlte mich wie eingepfercht, sobald ich zu Janus ins Bett stieg. Ich ekelte mich vor ihm. Ich konnte nicht schlafen, denn dieses „Was wäre, wenn …“ ließ mich nicht los.

Völlig egal, dass ich damals den wahren Grund für die Trennung noch nicht klar sah. Absolut unwichtig, dass ich überhaupt keine Ahnung hatte, wohin ich überhaupt wollte.
„Alles ist besser, als diese Gefühlslast. Alles ist besser als dieses körperliche Leiden.“ beschloss ich.

Ich machte einen klaren Cut.

Ich trennte mich.

Und ging.

Wo kämen wir hin


„Es ist Tagaus und Tagein, einfach Tagein und Tagaus
Wie dieser Marathonlauf um den Platz an der Sonne
Und wir tragen ihn aus auch wenn wir niemals ankommen
Wir schlagen uns auch dazu die Nacht um die Ohren
Um nicht zu vergessen, zu wissen, sonst geht alles verloren
Wir haben es schon vor jenen Jahren gewusst
Das ist das hier und das jetzt, ist der erhabende Stuss
Der für uns die Welt ist, der für uns zählt und das fällt nicht
Mal so sehr aus dem Rahmen wie wir immer dachten
Es ist alles ganz einfach Kein Drama
Da ist er, der Wind, die Möglichkeit eines Lamas
Die nächste Phase, der nächste Abschnitt dieser endlosen Straße

Diese Straße, sie führt dich irgendwo hin
Vielleicht führt sie dich aber auch nirgendwo hin
Aber Nirgendwo muss ja auch irgendwo sein
Und irgendwann findet jeder mal Heim.“

(Frittenbude – Die Möglichkeit eines Lamas)

hedwig_sagt_hallo

It always seems impossible until it’s done.

 

impossible_until

Nun ist er also getan!

Ein Schritt nach vorn auf ungeebnetes Terrain. Ein Schritt weiter.
Ein Blog, mein Blog und meine Geschichte gehen online.
Ich habe noch nie einen Blog betrieben. Auch wenn ich schon zig verschiedene Blogs gelesen habe, weiß ich ehrlich gesagt immer noch nicht, wie so ein Blog eigentlich funktioniert oder geführt werden sollte.
Das Blog-Neuland stimmt mich etwas nervös. Aber, hey! Ich schreibe einfach meine eigenen Regeln und marschiere wagemutig los.
Denn, wenn ich etwas im letzten Jahr gelernt habe, dann Folgendes: „Es scheint immer unmöglich, bis es getan ist. Und es lohnt sich das Gute zu erwarten und die Chancen, die einem gegeben werden, nicht nur zu erkennen, sondern auch zu nutzen.“

Eigentlich ganz einfach. Ich bin nicht allein, mit dem was ich erlebt habe. Das haben mir Gespräche mit Freunden, Bekannten, meiner Familie und meiner Therapeutin gezeigt. Menschen, denen es so wie mir oder so ähnlich geht, gibt es viele. Ich freue mich, wenn ihr mich begleitet oder mir ein Stück des Weges folgt.

Ich bin sicher, es hilft mir, ich bin sicher, es hilft auch euch Sichtweisen und Blickwinkel im Alltag, zu ändern.

Ich bin gespannt, wohin die Wanderung führt.
Go for it!


„These are the marching orders
These are the rules that we break
These are the doubts we cling to
Tryin‘ to get more
Tryin‘ to get more

These are the marching orders
These are the rules that we break
These are the doubts we cling to
Tryin‘ to get more
Tryin‘ to get more than we take.”

(The Editors – Marching Orders)