Alsichmirbewusstwurde...Teil2

Als ich mir bewusst wurde… Teil 2

Schutzmechanismus Verdrängung & Psychosomatik als Alarmsignal
Meine Seele hat Krebs

Tagebuch, 06.02.2015:
„Meine Seele hat Krebs“

Aufgewacht, gegen 6 Uhr. Kotzübel, Kreislauf instabil und Schwindel enorm. So bin ich vorhin relativ schnell, aber wackelig ins Bad gestürzt. Schüttelfrost. Zitternd habe ich vor dem WC gehockt mit dem Gefühl mich gleich übergeben, zu müssen. Abgewartet. Kraftlos zusammengerutscht. Immer noch zitternd, mit schmerzendem rumorendem Bauch kauerte ich im Bad. Es klopfte an der Tür. Es war Noah. Mit Zögerlichem: „Darf ich reinkommen?“, öffnete sich die Badtür. Er setze sich neben mich, das beruhigte mich – es beruhigt mich immer. Die Wärmflasche hat er mir gemacht. Mir ein Kissen zum Anlehnen geholt. Mit mir im Bad gehockt. Ich erzählte, dass ich nicht weiß, wovon ich geträumt habe, aber der Auslöser war wohl wieder der Kopf?!

Bestimmt. Was sonst? Immerhin bin ich organisch gesund. Doch der Kopf, das habe ich nun oft genug durchlebt, kann einem übel mitspielen.

Da gibt es das Darmhirn, ein Gedächtnis im Bauch, das prägt sich so wahnsinnig viel ein. Giulia Enders hat es im Buch „Darm mit Charme“ wunderbar amüsant und verständlich beschrieben. Der Bauch reagiert auf Gefühle und Gedanken. Bei dem einen weniger, bei anderen, wie mir, mehr.

Was sich in meinem Kopf abspielt? Warum ich Dinge träume, die mir Übelkeit bescheren? Und warum erinnere ich mich erst jetzt, 1 Stunde nach dem Traum eigentlich daran, was ich geträumt habe?

Letzter Frage Antwort: Schutz. Der Körper hatte gerade Wichtigeres zu tun als sich an etwas zu erinnern. Der musste erst mal mit den ausgelösten Symptomen wie Schüttelfrost und Übelkeit reagieren, die Alarmglocken schellen lassen und das wieder in den Griff kriegen. Alles in kleinen Dosen, Stück für Stück.

Ich träumte, meine Seele hat Krebs, weswegen ich eine Chemo begonnen habe, von der mir regelmäßig kotzübel wird.
Ein schönes Sinnbild. Spannend, welche Bilder mein Kopf findet. Nur bin ich nicht von organischem Krebs befallen. Ich habe eine posttraumatische Belastungsstörung. Die Chemo ist dann also wohl die Verarbeitung, meine Therapie.

Wie mach ich das?
BinBeeindruckt

„Alles ist besser, als diese Gefühlslast. Alles ist besser als dieses körperliche Leiden.“ beschloss ich damals. Und ging.
Vermutlich hätte ich das mit dem Wissen um mein Befinden danach, in dem Moment nicht mehr gedacht.

Ich habe aber über die vielen warum?-, woher?- und was wäre, wenn?- Fragen eins begriffen: Mein Körper ist zu Großartigem fähig! Er kann verdrängen, zum Schutz!

Aber wie macht er das? Wie mache ich das? Raffiniert macht er das! Raffiniert mache ich das! Da war sie wieder, meine Neugier und das Bedürfnis unbedingt die Zusammenhänge und Ursprünge verstehen, zu wollen. Also wälzte ich Bücher und Zeitschriften und schaute allerhand Sendungen.

Wir haben nach aktuellem Wissensstand drei Gehirne. Den ältesten Teil nennen wir „Reptiliengehirn“. Dort entstehen Reflexe wie die Fähigkeit zur Flucht, zum Kampf oder zum Erstarren. Das Zweite heißt „emotionales Gehirn“ oder auch „Säuglingsgehirn“. Dort entsteht unter anderem die Sehnsucht nach Bindung. Es ist unser emotionales Gedächtnis, das alle positiven wie auch verletzenden Beziehungen abspeichert. Und als Drittes hätten wir da den Neokortex. Mit ihm analysieren wir Erlebnisse bewusst, speichern Erinnerungen und können uns in andere hineinfühlen. Das ist der Teil, den wir brauchen, um Konsequenzen unserer Handlungen einzuschätzen.

Dr. Konrad Strauss (Neurologe, Psychiater & Psychotherapeut) meinte in einem Artikel der GeoWissen (Ausgabe Nr. 55 „Zuversicht“, S. 155 … um genau zu sein) dazu Mal: „… wenn wir emotional verletzt werden, reagieren wir als Erstes mit den Möglichkeiten unseres Reptiliengehirns: Entweder wir Verdrängen den Schmerz und vermeiden so, uns damit auseinanderzusetzen- wir fliehen also. Oder wir entwickeln Wut, ergehen uns in Rachegedanken oder üben Vergeltung: Wir kämpfen. Oder wir verfallen in eine Apathie, in dem unsere Gefühle, wie gedämpft sind – wir erstarren. Gegen diese Reaktionen können wir nichts tun. Sie sind natürlich. Aber wenn es uns einmal besser gehen soll, sind sie eben nur der erste Schritt.“

Den ersten Schritt habe ich damals ganz automatisch getan. Ich habe schmerzliche Gedanken erst verdrängt: Ich bin geflüchtet. Auch die Apathie, das Erstarren, kenne ich nur zu gut. Ich habe alle belastenden Gefühle und Erinnerungen einfach verdrängt, ja sogar vergessen. Als ich mir Stück für Stück bewusst wurde, begann ich mich zu fragen: „Ob das so gut ist?“

Ja, ist es! Es ist, wie Dr. Strauss schrieb, ganz natürlich. Das ist ein absolut gesunder und wichtiger Mechanismus, der überlebenswichtig ist. Mein Körper hatte so viel Kraft, alles was mich zu sehr belastet und an dem ich kaputt gehen könnte, zu filtern. Mich sozusagen ungefragt zu schützen. Er ließ mich vergessen und „den Schmerz runterschlucken“, bis zu dem Zeitpunkt, an dem mein Körper meinte, bereit zu sein. Bereit sich damit zu befassen, bereit zu reflektieren, bereit meinen Neokortex einzuschalten.

Alarmsystem Des Körpers

In all der Zeit hat mich mein sogenanntes Darmhirn treu begleitet. Für mich gibt es nicht nur drei Gehirne, für mich gibt es wenigstens vier. Wie ich darauf komme?

Als ich da so „wie ausgekotzt“ im Bad saß und versuchte mich an das Geträumte zu erinnern, kam mir das Buch „Darm mit Charme“ in den Sinn. Das lag zu der Zeit auf dem Nachtschränkchen als abendliche Gutenacht-Lektüre.

In diesem Buch wurde beschrieben, dass jeder von uns aus einem Darmrohr entsteht. Alle Organe bilden sich aus diesem heraus. Auch das Gehirn. Der Darm ist unser Ursprung. Er ist extrem selbstständig und hat im Körper die zweitgrößte Ansammlung an Nervenzellen, nach dem Gehirn im Kopf. Zwischen Darm und Hirn herrscht unbewusst, permanenter und reger Austausch.

Immer, wenn ich mich ärgerte, mich ängstigte, mir etwas zu schmerzvoll, zu aufregend, kurz: zu belastend war, schaltete sich mein Reptiliengehirn ein. Ich bin „geflüchtet“ oder „erstarrt“. Ich habe, dank meines Repitilienhirns, das Unverarbeitbare „runtergeschluckt“. Und immer dann, wenn diese unverarbeitbaren Brocken im Bauch landeten, meldete sich mein viertes Hirn. Es schrie laut: „Das ist nicht verdaubar!“

Es dauerte einige Zeit, aber langsam dämmerte es mir. Klick machte es, als ich auf den Badfliesen saß. Und ich dachte in dem Moment: „Aha! So viele unfassbar komplexe Prozesse laufen da also ab. Die sind alle nur dafür da, dass es mir gut geht. Die sind alle da, um mich zu schützen und mich wach zu rütteln. Meine Seele hat kein Krebs. Mein Körper hat Superkräfte!“

EsGibtVieleWege

Es hat mir nicht nur verständlicher gemacht, was in meinem Körper eigentlich passiert. Es hat mir auch näher gebracht, dass alles in meinem Körper zusammenhängt. Dank meines Darmhirns ging ich wie von allein Schritt 2 und schaltete meinen Neokortex ein. Ich verstand endlich das, was in und mit meinem Körper passierte.

Dieses Verständnis half und hilft mir unheimlich dabei Psychosomatik als etwas Gutes und Wichtiges anzuerkennen. Ich wurde mir Stück für Stück bewusst. Es ist ein Alarmsystem meines Körpers. Es ist mein Schutzmantel. Es gehört zu mir. Es gehört zu uns. Eine Superkraft! Und die hat jeder!

Was wäre, wenn…?

Nach dieser Nacht im Bad kannte die Neugier in mir keine Grenzen. Darm mit Charm wurde für mich eine heilige Schrift. Jede Sendung und jeden Artikel über Psychosomatik, Schutzmechanismen des Körpers und Psychologie saugte ich auf, wie ein Schwamm das Wasser.

Ich stellte sehr schnell fest, dass ich natürlich nicht die Einzige bin, die mit Gebrechen und Leiden lebt. Schmerzen und Zipperlein, die auf den ersten Blick keine eindeutige Ursache haben. Meine Freundin ist wortwörtlich „verschnupft“, wenn ihr was gegen den Strich geht. Noah bekommt Verspannungen im Schulterbereich, wenn die „Last auf seinen Schultern“ zu groß wird.

Ich begann neben meinem Schwammdasein, Pilatesunterricht zu nehmen. Zum einem um mich bewusster wahrzunehmen, auszubalancieren und wieder einzuloten. Zum anderen um mir trainierende Bewegung zu gönnen. Ich fragte mich: „Was wäre, wenn wir alle unsere Signale des Körpers besser wahrnehmen würden? Mit uns bewusst in Dialog treten. Ist das nicht das, was unsere Natur ist? Vielleicht geht es mir dann ja besser? Vielleicht ginge es vielen von uns besser?“

Ich bin dankbar, dass mein Körper solch großartige Kräfte besitzt. Dass der menschliche Körper zu so vielen unglaublich spannenden Mechanismen, Taktiken und Tricks fähig ist. Diese schwere Zeit und diese schlimmen Erfahrungen haben mir die Möglichkeit geboten, mir bewusst zu werden.

Ich versuche, diese Superkräfte nun bewusst zu nutzen, mit mir in Dialog zu treten, wann immer es geht.

Wege gibt es viele.

Na, dann: „… gehe ich mal, um zu schauen, wohin ich komme, wenn ich gehe.“