EsGibtVieleWege

Psychosomatik: Alarmsystem des Körpers

Jede Sendung und jeden Artikel über Psychosomatik, Schutzmechanismen des Körpers und Psychologie saugte ich auf, wie ein Schwamm das Wasser.

Psychosomatik und psychosomatischer Schmerz: Warum? Woher? Wie?…Ein paar Anregungen und Fakten zum Thema. Informativ zusammengetragen und spannend zusammengefasst, bei Scobel. Viel Spaß beim schauen!

Hier geht’s zu Sendung:
Scobel:  „Kranke Seele, Kranker Körper“

Alsichmirbewusstwurde...Teil2

Als ich mir bewusst wurde… Teil 2

Schutzmechanismus Verdrängung & Psychosomatik als Alarmsignal
Meine Seele hat Krebs

Tagebuch, 06.02.2015:
„Meine Seele hat Krebs“

Aufgewacht, gegen 6 Uhr. Kotzübel, Kreislauf instabil und Schwindel enorm. So bin ich vorhin relativ schnell, aber wackelig ins Bad gestürzt. Schüttelfrost. Zitternd habe ich vor dem WC gehockt mit dem Gefühl mich gleich übergeben, zu müssen. Abgewartet. Kraftlos zusammengerutscht. Immer noch zitternd, mit schmerzendem rumorendem Bauch kauerte ich im Bad. Es klopfte an der Tür. Es war Noah. Mit Zögerlichem: „Darf ich reinkommen?“, öffnete sich die Badtür. Er setze sich neben mich, das beruhigte mich – es beruhigt mich immer. Die Wärmflasche hat er mir gemacht. Mir ein Kissen zum Anlehnen geholt. Mit mir im Bad gehockt. Ich erzählte, dass ich nicht weiß, wovon ich geträumt habe, aber der Auslöser war wohl wieder der Kopf?!

Bestimmt. Was sonst? Immerhin bin ich organisch gesund. Doch der Kopf, das habe ich nun oft genug durchlebt, kann einem übel mitspielen.

Da gibt es das Darmhirn, ein Gedächtnis im Bauch, das prägt sich so wahnsinnig viel ein. Giulia Enders hat es im Buch „Darm mit Charme“ wunderbar amüsant und verständlich beschrieben. Der Bauch reagiert auf Gefühle und Gedanken. Bei dem einen weniger, bei anderen, wie mir, mehr.

Was sich in meinem Kopf abspielt? Warum ich Dinge träume, die mir Übelkeit bescheren? Und warum erinnere ich mich erst jetzt, 1 Stunde nach dem Traum eigentlich daran, was ich geträumt habe?

Letzter Frage Antwort: Schutz. Der Körper hatte gerade Wichtigeres zu tun als sich an etwas zu erinnern. Der musste erst mal mit den ausgelösten Symptomen wie Schüttelfrost und Übelkeit reagieren, die Alarmglocken schellen lassen und das wieder in den Griff kriegen. Alles in kleinen Dosen, Stück für Stück.

Ich träumte, meine Seele hat Krebs, weswegen ich eine Chemo begonnen habe, von der mir regelmäßig kotzübel wird.
Ein schönes Sinnbild. Spannend, welche Bilder mein Kopf findet. Nur bin ich nicht von organischem Krebs befallen. Ich habe eine posttraumatische Belastungsstörung. Die Chemo ist dann also wohl die Verarbeitung, meine Therapie.

Wie mach ich das?
BinBeeindruckt

„Alles ist besser, als diese Gefühlslast. Alles ist besser als dieses körperliche Leiden.“ beschloss ich damals. Und ging.
Vermutlich hätte ich das mit dem Wissen um mein Befinden danach, in dem Moment nicht mehr gedacht.

Ich habe aber über die vielen warum?-, woher?- und was wäre, wenn?- Fragen eins begriffen: Mein Körper ist zu Großartigem fähig! Er kann verdrängen, zum Schutz!

Aber wie macht er das? Wie mache ich das? Raffiniert macht er das! Raffiniert mache ich das! Da war sie wieder, meine Neugier und das Bedürfnis unbedingt die Zusammenhänge und Ursprünge verstehen, zu wollen. Also wälzte ich Bücher und Zeitschriften und schaute allerhand Sendungen.

Wir haben nach aktuellem Wissensstand drei Gehirne. Den ältesten Teil nennen wir „Reptiliengehirn“. Dort entstehen Reflexe wie die Fähigkeit zur Flucht, zum Kampf oder zum Erstarren. Das Zweite heißt „emotionales Gehirn“ oder auch „Säuglingsgehirn“. Dort entsteht unter anderem die Sehnsucht nach Bindung. Es ist unser emotionales Gedächtnis, das alle positiven wie auch verletzenden Beziehungen abspeichert. Und als Drittes hätten wir da den Neokortex. Mit ihm analysieren wir Erlebnisse bewusst, speichern Erinnerungen und können uns in andere hineinfühlen. Das ist der Teil, den wir brauchen, um Konsequenzen unserer Handlungen einzuschätzen.

Dr. Konrad Strauss (Neurologe, Psychiater & Psychotherapeut) meinte in einem Artikel der GeoWissen (Ausgabe Nr. 55 „Zuversicht“, S. 155 … um genau zu sein) dazu Mal: „… wenn wir emotional verletzt werden, reagieren wir als Erstes mit den Möglichkeiten unseres Reptiliengehirns: Entweder wir Verdrängen den Schmerz und vermeiden so, uns damit auseinanderzusetzen- wir fliehen also. Oder wir entwickeln Wut, ergehen uns in Rachegedanken oder üben Vergeltung: Wir kämpfen. Oder wir verfallen in eine Apathie, in dem unsere Gefühle, wie gedämpft sind – wir erstarren. Gegen diese Reaktionen können wir nichts tun. Sie sind natürlich. Aber wenn es uns einmal besser gehen soll, sind sie eben nur der erste Schritt.“

Den ersten Schritt habe ich damals ganz automatisch getan. Ich habe schmerzliche Gedanken erst verdrängt: Ich bin geflüchtet. Auch die Apathie, das Erstarren, kenne ich nur zu gut. Ich habe alle belastenden Gefühle und Erinnerungen einfach verdrängt, ja sogar vergessen. Als ich mir Stück für Stück bewusst wurde, begann ich mich zu fragen: „Ob das so gut ist?“

Ja, ist es! Es ist, wie Dr. Strauss schrieb, ganz natürlich. Das ist ein absolut gesunder und wichtiger Mechanismus, der überlebenswichtig ist. Mein Körper hatte so viel Kraft, alles was mich zu sehr belastet und an dem ich kaputt gehen könnte, zu filtern. Mich sozusagen ungefragt zu schützen. Er ließ mich vergessen und „den Schmerz runterschlucken“, bis zu dem Zeitpunkt, an dem mein Körper meinte, bereit zu sein. Bereit sich damit zu befassen, bereit zu reflektieren, bereit meinen Neokortex einzuschalten.

Alarmsystem Des Körpers

In all der Zeit hat mich mein sogenanntes Darmhirn treu begleitet. Für mich gibt es nicht nur drei Gehirne, für mich gibt es wenigstens vier. Wie ich darauf komme?

Als ich da so „wie ausgekotzt“ im Bad saß und versuchte mich an das Geträumte zu erinnern, kam mir das Buch „Darm mit Charme“ in den Sinn. Das lag zu der Zeit auf dem Nachtschränkchen als abendliche Gutenacht-Lektüre.

In diesem Buch wurde beschrieben, dass jeder von uns aus einem Darmrohr entsteht. Alle Organe bilden sich aus diesem heraus. Auch das Gehirn. Der Darm ist unser Ursprung. Er ist extrem selbstständig und hat im Körper die zweitgrößte Ansammlung an Nervenzellen, nach dem Gehirn im Kopf. Zwischen Darm und Hirn herrscht unbewusst, permanenter und reger Austausch.

Immer, wenn ich mich ärgerte, mich ängstigte, mir etwas zu schmerzvoll, zu aufregend, kurz: zu belastend war, schaltete sich mein Reptiliengehirn ein. Ich bin „geflüchtet“ oder „erstarrt“. Ich habe, dank meines Repitilienhirns, das Unverarbeitbare „runtergeschluckt“. Und immer dann, wenn diese unverarbeitbaren Brocken im Bauch landeten, meldete sich mein viertes Hirn. Es schrie laut: „Das ist nicht verdaubar!“

Es dauerte einige Zeit, aber langsam dämmerte es mir. Klick machte es, als ich auf den Badfliesen saß. Und ich dachte in dem Moment: „Aha! So viele unfassbar komplexe Prozesse laufen da also ab. Die sind alle nur dafür da, dass es mir gut geht. Die sind alle da, um mich zu schützen und mich wach zu rütteln. Meine Seele hat kein Krebs. Mein Körper hat Superkräfte!“

EsGibtVieleWege

Es hat mir nicht nur verständlicher gemacht, was in meinem Körper eigentlich passiert. Es hat mir auch näher gebracht, dass alles in meinem Körper zusammenhängt. Dank meines Darmhirns ging ich wie von allein Schritt 2 und schaltete meinen Neokortex ein. Ich verstand endlich das, was in und mit meinem Körper passierte.

Dieses Verständnis half und hilft mir unheimlich dabei Psychosomatik als etwas Gutes und Wichtiges anzuerkennen. Ich wurde mir Stück für Stück bewusst. Es ist ein Alarmsystem meines Körpers. Es ist mein Schutzmantel. Es gehört zu mir. Es gehört zu uns. Eine Superkraft! Und die hat jeder!

Was wäre, wenn…?

Nach dieser Nacht im Bad kannte die Neugier in mir keine Grenzen. Darm mit Charm wurde für mich eine heilige Schrift. Jede Sendung und jeden Artikel über Psychosomatik, Schutzmechanismen des Körpers und Psychologie saugte ich auf, wie ein Schwamm das Wasser.

Ich stellte sehr schnell fest, dass ich natürlich nicht die Einzige bin, die mit Gebrechen und Leiden lebt. Schmerzen und Zipperlein, die auf den ersten Blick keine eindeutige Ursache haben. Meine Freundin ist wortwörtlich „verschnupft“, wenn ihr was gegen den Strich geht. Noah bekommt Verspannungen im Schulterbereich, wenn die „Last auf seinen Schultern“ zu groß wird.

Ich begann neben meinem Schwammdasein, Pilatesunterricht zu nehmen. Zum einem um mich bewusster wahrzunehmen, auszubalancieren und wieder einzuloten. Zum anderen um mir trainierende Bewegung zu gönnen. Ich fragte mich: „Was wäre, wenn wir alle unsere Signale des Körpers besser wahrnehmen würden? Mit uns bewusst in Dialog treten. Ist das nicht das, was unsere Natur ist? Vielleicht geht es mir dann ja besser? Vielleicht ginge es vielen von uns besser?“

Ich bin dankbar, dass mein Körper solch großartige Kräfte besitzt. Dass der menschliche Körper zu so vielen unglaublich spannenden Mechanismen, Taktiken und Tricks fähig ist. Diese schwere Zeit und diese schlimmen Erfahrungen haben mir die Möglichkeit geboten, mir bewusst zu werden.

Ich versuche, diese Superkräfte nun bewusst zu nutzen, mit mir in Dialog zu treten, wann immer es geht.

Wege gibt es viele.

Na, dann: „… gehe ich mal, um zu schauen, wohin ich komme, wenn ich gehe.“

Alsichmirbewusstwurde...

Aber Nirgendwo muss ja auch irgendwo sein.

„Ist das nun alles schwarz-weiß oder war es sehr bunt
Es ist nicht klug oder schlau, es geht um laut oder stumm
Und auch um ja oder nein, es geht um Mensch oder Maus
Es ist Tagaus und Tagein, einfach Tagein und Tagaus
Wie dieser Marathonlauf um den Platz an der Sonne
Und wir tragen ihn aus auch wenn wir niemals ankommen
Wir schlagen uns auch dazu die Nacht um die Ohren
Um nicht zu vergessen, zu wissen, sonst geht alles verloren
Wir haben es schon vor jenen Jahren gewusst
Das ist das hier und das jetzt, ist der erhabende Stuss
Der für uns die Welt ist, der für uns zählt und das fällt nicht
Mal so sehr aus dem Rahmen wie wir immer dachten
Es ist alles ganz einfach Kein Drama
Da ist er, der Wind, die Möglichkeit eines Lamas
Die nächste Phase, der nächste Abschnitt dieser endlosen Straße

Diese Straße, sie führt dich irgendwo hin
Vielleicht führt sie dich aber auch nirgendwo hin
Aber Nirgendwo muss ja auch irgendwo sein
Und irgendwann findet jeder mal Heim

Wir sind nicht immer dagegen, aber auch selten dafür
Was helfen uns Worte und Reden, man muss das Leben schon spürn’
Wir wollen mehr als euch lieb ist und geben mehr als wir können
Wir sind erst wirklich zufrieden wenn wir durchbrechen
Wenn wir ausbrechen, wir drängen hinaus, wir laufen hinab und rennen hinauf
Auf dem vom Tag warmen Dach über der schlafenden Stadt
Sind wir gelegen und träumten, was ist davon geblieben?
Wir wollten das Leben erleben, alle Monster und Riesen im
Armrücken besiegen, bis die Sonne uns auffrisst und am Ende ein Meer
Diese Straße ist alles, diese Straße ist mehr
Mehr als schwarz-weiß, mehr als nur Teer
Mehr als schwarz-weiß, mehr als nur Teer

Tage, Jahre fahren vorbei
Tage, Jahre. Tage, Jahre
Tage, Jahre. Tage, Jahre

Diese Straße, sie führt dich irgendwo hin
Vielleicht führt sie dich aber auch nirgendwo hin
Aber Nirgendwo muss ja auch irgendwo sein
Und irgendwann findet jeder mal Heim.“

(Frittenbude – Die Möglichkeit eines Lamas)

Alsichmirbewusstwurde...Teil1

Als ich mir bewusst wurde… Teil 1

Schutzmechanismus Verdrängung & Psychosomatik als Alarmsignal
Was ist DAS?

Tagebuch 14.01.2013:
„Es gibt Schlimmeres …“

Eigentlich wollte ich früh ins Bett, denn ich muss morgen ja relativ zeitig raus. Und nun? Nun schreibe ich mit mir selbst, liege mit Übelkeit und Bauchrumoren wach. Immerhin sind es keine ausgewachsenen Krämpfe, aber ich habe es satt. Satt …jaaaaa, das bin ich oft, nicht im eigentlichen Sinn, aber im metaphorischen. Meine Nerven liegen blank. Die Tränen laufen in letzter Zeit öfter mal, einfach so. Ich dachte ja, die Diagnose Laktose-, Fructose- und Sorbitintoleranz wäre der Startschuss für das Ende des Leidens. Ende von Magenspiegelung, Darmspiegelung und Atemtests. Ein Ende des ständigen Schiebens der Probleme auf Helicobakter Pylori oder sogar auf meine Psyche. Aber irgendwie ist dem nicht so. Im Gegenteil, es ist ein ständiges Auf und Ab. Ein Herumprobieren und Austesten inklusive Ernährungsberatung, die offenbar nichts bringt.

Ich war immer eine Naschkatze und nun macht mir das Essen überhaupt keinen Spaß mehr. Viel Gemüse und Obst essen, so wie damals, ist nicht mehr drin. Jetzt verursachen schon 200 g gekochte Möhren Darmgrummeln und Unwohlsein. Kartoffeln, Maiswaffeln, Reis und Avocado sind Sachen, die ich vertrage und die mir nun langsam zu Halse raushängen. Ich war noch nie der große Fleischesser. Unterdessen wird sich mein Magen wohl so sehr verkleinert haben, dass jede normale Mahlzeit unangenehmes Völlegefühl verursacht. Ich wiege nur noch 48 kg und könnte etwas mehr Nahrung dringend vertragen. Doch dann kommt wieder die Angst. Ist es jetzt nur das Sättigungsgefühl oder habe ich in 2 Stunden wieder Blähungen, Krämpfe, Rumoren oder gar Durchfall und die grauenhafte Übelkeit? Ich dachte immer, ich kann das auseinanderhalten, aber auch diese Fähigkeit scheint mir verloren gegangen. Durchfall hat da manchmal sogar was Gutes, dann ist das „böse“ gesunde Zeug raus aus dem Bauch und es wird hoffentlich schnell besser. Unterdessen werde ich das Gefühl nicht los immer neurotischer, zu werden. Ich habe nicht nur keinen Spaß mehr am Essen, ich habe teilweise Angst davor oder dem, was danach kommt. Noch schlimmer ist es abends und nachts, wenn ich ohne ersichtlichen Grund wieder von dieser furchtbaren Übelkeit, wie bei einer Magen-Darm-Grippe, geweckt werde. Krank oder? Das war nicht immer so. Das hat sich entwickelt. Grund für manche Ärzte zu glauben ich sei essgestört oder irgendwie psychisch belastet.

Es belastet ja nicht nur mich, sondern auch Janus, mein armer Mann. Ständig jammere ich und keuche wegen der Schmerzen und Übelkeit. Ich habe keine Lust auf Sex oder sonstige körperliche Aktivität, weil ich immer wieder mit Krämpfen oder Übelkeit kämpfe. Ich sage schon nach dem Essen, innerhalb der nächsten 3 Stunden aus Prinzip „Nein.“, weil ich lieber „zur Vorsicht“ erst mal abwarten will, ob ich Probleme vom Essen bekomme. Ich meine was sollte diese „Vorsicht“ schon bringen? Entweder mir wird schlecht oder nicht, entweder ich bekomme Krämpfe oder nicht. Mein ganzer beschissener Alltag ist schon davon eingenommen. Ich bin ein Nervenbündel, völlig unentspannt und gereizt ohnehin. Kommt mir mein Freund oder irgendjemand mit Bedürfnissen, fällt es mir momentan schwer nicht genervt davon zu sein. Der Gedanke „Komm mir nicht damit, es gibt echt schlimmeres … zum Beispiel nicht ESSEN ZU KÖNNEN!!!“ läuft bei mir dann in Dauerschleife. Weggehen mit Freunden – und ich liebe meine Freunde, Sie machen mich glücklich und bringen mich zum lachen – macht auch kaum noch Spaß. Sie knabbern vor sich hin und trinken Ihr Bierchen oder Wein. Ich bestelle mir am Abend 3 Kamillentees und habe schon Angst, dass etwas passiert, wenn ich Salzstangen knabbere. Armselig. Ich traue mich ja nach dem Essen schon oft gar nicht mehr aus dem Haus, aus Angst mein Bauch rumort unterwegs und nirgends ist eine Toilette in Sicht. O.k., ich jammere gerade echt viel. Ich könnte es schlimmer haben und Hunger leiden, weil es kein Essen gibt, weil ich in der Dritten Welt aufwachse. Ich könnte obdachlos sein, ohne Job und ohne Perspektive. Schlimmer geht immer. Fakt ist nur, ich HABE EIN PROBLEM und ich weiß nicht, wie ich darüber Herr werden soll. Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll und woher ES rührt.

Foren sind nett zu lesen, aber da tummeln sich, so wirkt es jedenfalls, jede Menge Leute mit demselben Problem und ebenfalls keiner richtigen Lösung. Es deprimiert eher noch mehr, zu lesen, dass einige seit 10 Jahren Intoleranzen kämpfen und immer noch nicht Ruhe eingekehrt ist. Bücher über Bücher gibt es und jedes sagt etwas anderes. Das ist doch zum Mäusemelken oder? Mal ehrlich, wer wäre da nicht genervt und gewillt mal ordentlich zu jammern? Meine Ernährungsberaterin, freundlich bezahlt über die Krankenkasse, zieht auch nur Ihr Standardprogramm durch. Nette Frau, nur hilft mir ein: „Das dürfte aber nicht sein. Das verstehe ich nicht.“ auf mein: „Ich habe mir Milchreis mit Traubenzucker und Laktosefreier Milch gemacht und danach Durchfall“ bringt mich auch nicht weiter.

Abgesehen mal davon, dass ich Milchprodukte liebe, ist das noch das geringere Problem. Die Fructose ist viel übler. „Sie dürfen Möhren und Kohlrabi essen … na klar das vertragen sie.“ Und dann esse ich zum Test 200 g Möhren und danach rumort mein Bauch, als gäbe es kein Morgen mehr. Nur Hungergefühlsgrummeln? Hm nein, eher nicht.

Ich habe noch keine Ahnung, was mir das Aufschreiben überhaupt bringen soll. Vielleicht hat mich auch nur „Sex and the City“, was gerade auf SIXX läuft, dazu gebracht, jeden noch so kleinsten und hirnrissigen Gedanken aufzuschreiben als sei es eine gut recherchierte Kolumne, die andere Menschen interessiert. Natürlich ist das nicht so, denke ich.

Aber hey, es lenkt wenigstens ein bisschen vom Bauchgrummeln und der Übelkeit ab…

 Warum …?

Auch damals habe ich mich schon gefragt warum, ich mit diesen Bauchproblemen zu tun habe. Ich fragte mich auch, woher das rührt. Ich habe mich selbst als „neurotisch“ und „Nervenbündel“ bezeichnet. Aber die Psyche als triftiger Ansatzpunkt für all das körperliche Leiden kam als Möglichkeit partout nicht infrage. Es wäre jedoch die logische Schlussfolgerung gewesen. Keine Auffälligkeiten bei der Magenspiegelung, keine Ungereimtheiten bei der Darmspiegelung. Ein paar Intoleranzen, die man bei Stress, schweren Krankheiten und OPs entwickeln kann. Keine schwere Krankheit oder OP gehabt. Also konnte es ja nur Stress, meine leidende Seele sein. Aber das habe ich verdrängt. In der Disziplin namens Verdrängung war ich Meister! Ich schob es auf den Studienstress, das Diplom, die ständigen Diskussionen mit dem Arbeitsamt und meinen Weg in die Selbstständigkeit. Bis ich berufsbedingt zu Sommerfestspielen fuhr und selten zu Haus war. Mir ging es weit weg von zu Haus blendend! Trotz Arbeitsstress, trotz Selbstständigkeit. Merkwürdig war es, dass ich immer Bauchstechen bekam, wenn Janus sich zu Besuch ankündigte. Immer wenn er da war, hatte ich wieder Bauchprobleme. Mal mehr Mal weniger. „Komisch“, dachte ich mir. „Wir haben so unsere Auseinandersetzungen und manchmal bringt mich Janus tierisch auf die Palme, aber das ist ja normal in einer Beziehung“, sagte ich mir. „Wenn er jetzt einen tödlichen Autounfall hat oder an einer lebensbedrohlichen Erkrankung stirbt, würde ich ihn schon vermissen“, malte ich mir aus und meinte damit den Beweis zu haben, dass alles o.k. sei und ich ihn wirklich liebe. Diese harten Gedanken fand ich kein bisschen bedenklich.

… und woher?

Und dann war da Noah. Beruflich kennengelernt, ein guter Berater. Wir gingen mal zusammen auf dieselbe Schule. Hatten aber eigentlich nie wirklich etwas miteinander zu tun. Über die alten Schulzeiten tauschten wir uns neben Unternehmensberatungsthemen aus. Wir stellten Parallelen und Schnittstellen in unseren beiden Lebensläufen und Lebenseinstellungen fest. Wir schrieben und bis tief in die Nacht Nachrichten. Kurz und emotional ausgedrückt: Es entwickelte sich eine unglaublich enge und wohltuende Freundschaft. Da meldeten sich auf einmal Sehnsüchte. Nach einem Partner, der mich ein wenig bewundert und mir sagt, dass ich beruflich echt viel leiste. Nach einem Partner, der gern mit mir gemeinsam kocht, anstatt 23 Uhr, wenn ich von Arbeit komme, zu fragen, was es zu Essen gibt. Nach
einem respektvollen Gesprächspartner. Nach einem Romantiker. Nach so vielen Dingen mehr. Oh, diese Sehnsüchte waren auch vorher schon da. Aber die wurden mit Gedanken, wie: „Wenn ich bewundert werden will, muss ich mehr leisten. Eine Beziehung ist auch Arbeit. Janus ist halt nicht so der Koch. Eine Beziehung ist nicht immer perfekt. Ich bin ja auch nicht perfekt, also kann ich es von Janus ebenso nicht erwarten. Romantik ist eine Illusion, Realismus ist besser.“ beiseitegeschoben.
Die Gedanken und Gefühle konnte ich gut beiseiteschieben. Wie schon erwähnt, ich war Meister in Verdrängung. Nur gab es da eine Sache, die immer auffälliger wurde. Ich war beruflich unterwegs: Mir ging es gut. Ich musste bald nach Hause: Der Bauch meldete sich lautstark. Da ploppte ein Satz von Ofelia in meinem Kopf auf: „Vielleicht ist es ja doch was Psychosomatisches?“. Das fragte sie mich mal bei einem gemeinsamen Kochabend, an dem ich natürlich nichts essen konnte.

Die „Was wäre, wenn …?“ – Lawine

Ich belächelte diesen Satz an jenem Abend mit: „Ach Quatsch, mir geht’s es doch gut!“ Doch diese Frage wurde immer lauter. Wie eine Sirene schrillte sie in meinem Kopf. Und langsam schlich sich die Frage „Was wäre, wenn es doch so ist?“ ein. „Was wäre, wenn die Beziehung mit Janus das Problem ist?“ und „Was wäre, wenn ich mich trenne und von all den Bauchschmerzen, der Mattheit, der Übelkeit, den Durchfällen und alledem befreit wäre?“ Eine Lawine an unbeantwortbaren „Was wäre, wenn“-Fragen brach in mir los und überrollte mich. Tage und Woche vergingen und ich hatte das Gefühl unter Ihrer Last zu ersticken. Ich wollte nicht nach Haus. Ich wollte arbeiten und unterwegs sein so oft es ging. Der Gedanke an zu Haus brachte mir unmittelbar Übelkeit. Jeden Abend vor dem zu Bett gehen, fühlte ich mich hundeelend. Ich schloss mich regelmäßig ein und nahm ein hoffentlich beruhigendes Bad. Ein reinigendes Bad. Was für die Seele. Ich fühlte mich wie eingepfercht, sobald ich zu Janus ins Bett stieg. Ich ekelte mich vor ihm. Ich konnte nicht schlafen, denn dieses „Was wäre, wenn …“ ließ mich nicht los.

Völlig egal, dass ich damals den wahren Grund für die Trennung noch nicht klar sah. Absolut unwichtig, dass ich überhaupt keine Ahnung hatte, wohin ich überhaupt wollte.
„Alles ist besser, als diese Gefühlslast. Alles ist besser als dieses körperliche Leiden.“ beschloss ich.

Ich machte einen klaren Cut.

Ich trennte mich.

Und ging.

Wo kämen wir hin


„Es ist Tagaus und Tagein, einfach Tagein und Tagaus
Wie dieser Marathonlauf um den Platz an der Sonne
Und wir tragen ihn aus auch wenn wir niemals ankommen
Wir schlagen uns auch dazu die Nacht um die Ohren
Um nicht zu vergessen, zu wissen, sonst geht alles verloren
Wir haben es schon vor jenen Jahren gewusst
Das ist das hier und das jetzt, ist der erhabende Stuss
Der für uns die Welt ist, der für uns zählt und das fällt nicht
Mal so sehr aus dem Rahmen wie wir immer dachten
Es ist alles ganz einfach Kein Drama
Da ist er, der Wind, die Möglichkeit eines Lamas
Die nächste Phase, der nächste Abschnitt dieser endlosen Straße

Diese Straße, sie führt dich irgendwo hin
Vielleicht führt sie dich aber auch nirgendwo hin
Aber Nirgendwo muss ja auch irgendwo sein
Und irgendwann findet jeder mal Heim.“

(Frittenbude – Die Möglichkeit eines Lamas)